Aufsatz 
Gymnasium oder Bürgerschule. Eine lokale Schulfrage
Entstehung
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In Süddeutschland dagegen blieben die Lateinschulen zufolge des grossen Einflusses bedeutender Humanisten zum Teil noch am Leben. Eine im Gegensatze zu der Raschheit ihrer äusseren Verbreitung stehende Verzögerung erfuhr die Bürgerschule in der Richtung ihrer inneren, organisatorischen Entwickelung dadurch, dass man sie auch zu einer Zeit, als ihre berechtigte Eigenart, ihre Notwendigkeit und Nützlichkeit theoretisch begründet und anerkannt war, gleich- wohl mit den alten Lateinschulen in einigen Zusammenhang bringen zu dürfen meinte. Bald war es die Elementarschule, auf welcher Bürgerschule und Gymnasium sich gleichmässig aufbauen sollten, bald wiederum schien es rätlich, an die Absolvierung der ersten Klassen der Bürgerschule die Berechtigung zum Eintritte ins Gymnasium zu knüpfen. Eine derartige Verquickung von An- stalten verschiedener Kategorien wiedersprach aber nicht nur dem einmal wissenschaftlich definierten Begriffe der Bürgerschule, es erschien auch in der Schulpraxis als ungereimt, Schüler, welche durchaus verschiedenen Zielen zustreben, auf einer gemeinsamen Vorstufe zusammenhalten zu wollen. Bald schienen darunter die Interessen der Bürgerschule, bald jene des Gymnasiums zu leiden. So drängte Wissenschaft und Leben zur gänzlichen Abtrennung der Bürgerschule von der gelehrten Schule und wir haben in der auf dem Boden der Volksschule selbständig sich auf- bauenden, lediglich den besonderen, durch die Ortsverhältnisse mit bedingten Bedürfnissen des mittleren und niederen Standes der städtischen Bevölkerung Rechnung tragenden Stadtschule das Ideal der Bürgerschule zu erblicken, wie solches seit der Mitte des vorigen Jahrhunderts den grossen Volksaufklärern und Volksbildnern in Deutschland vorgeschwebt hat.

Zu besonderer Blüte gelangte das Bürgerschulwesen im Königreich Sachsen, namentlich aber in dem volk- und industriereichen Leipzig. Der grosse Erfolg der daselbst von dem Bürgermeister Dr. Wilhelm Müller errichteten Ratsfreischule, als deren wichtigste Aufgabe ihr Begründer es betrachtete,den niederen Volksklassen durch Unterricht der Kinder, durch Autfklärung des Ver- standes und Aneignung nützlicher Kenntnisse in der jugend nach und nach aufzuhelfen, veranlasste im Jahre 1795 fünfundzwanzig Leipziger Innungen ein Schreiben an den Rat mit der Bitte zu richten, ihneneine allgemeine Bürgerschule, in welcher ihre Kinder gegen ein billiges Schulgeld einen ebenso wohlthätigen als zweckmässigen Unterricht auch Erlernung anderer nützlicher zum künftigen Wohl eines jeden gereichenden Wissenschatten, in dem Masse, als die armen Kinder in hiesiger Freischule geniessen, zu schenken. Wenige Jahre darauf wurde die erste Leipziger Bürgerschule errichtet, welche schon in den nächstfolgenden Dezenien einen schönen Aufschwung nahm. An Stelle des früheren Vierklassensystems trat auf Grund des vom Bürgerschuldirektor Vogel entworfenen Organisationsplanes das Achtklassensystem, welches für alle in der Folge neu- errichteten Stadtschulen Leipzigs die allgemein giltige Organisationsnorm geblieben ist. Andererseits sehen wir aus der ebenfalls vom Direktor Vogel gegründeten Realschule, dass das der Bürger- schule förderlich gewesene Prinzip der Entlastung von der Verpflichtung des Lateinlernens auf eine neue Kategorie von Ständen der städtischen Bevölkerung ausgedehnt wurde. Wer nicht für die bürgerlichen Gewerbe im engeren Sinne bestimmt war, sondern wie: Fabrikanten, Künstler, Kaufleute, Okonomen, Berg-, Forst- und Postbeamte eine höhere Intelligenz sich anzueignen hatte, ohne gleichwohl des Studiums der alten Sprachen für seinen späteren Beruf zu bedürfen, trat in die Realschule ein, welche mit 4 Klassen an die dritte Bürgerschulklasse anschloss. Im Jahre 1860 wurde jedoch die Realschule, da sie streng genommen nicht in den Rahmen der eigentlichen Volksschulen gehört, durch staatliche Verfügung den höheren Schulen eingegliedert. Gegenwärtig zählt Leipzig bei einer Bevölkerungsziffer von 357.000 Einwohnern die Vororte mitinbegriffen 17 Bürgerschulen und 27 Bezirksschulen, die alle nach dem Achtklassensystem organisiert sind. Die Bedeutung derselben für Leipzig und weitere Kreise charakterisiert im Jahre 1882 der Leipziger