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gewordene Frage: Gymnasium oder Bürgerschule? auch an dieser Stelle zur Diskussion bringen, indem wir den engeren Kreis unserer Leser einladen, die nachstehenden Erörterungen einer un- befangenen Prüfung zu unterziehen.
Ein kurzer Hinweis ¹) auf die Entwickelungsgeschichte des Bürgerschulwesens in Deutsch- land und die demselben sowohl dort, wie auch in unserem Vaterlande bis jetzt zugesprochene Be- deutung wird uns von selbst jene Gesichtspunkte eröffnen, die zur Beurteilung dessen, was uns nach dieser Richtung in Mühlbach notthut, ausschlaggebend sind.
Die Geschichte des Deutschen, mit seinen Anfängen in der Kloster- und Domschule des Mittelalters wurzelnden Schulwesens lehrt uns, dass schon zur Zeit der Reformation auf die Not- wendigkeit einer allgemeinen, den Bedürfnissen der grossen Masse des Volkes Rechnung tragenden Schulbildung hingewiesen worden ist. Neben die Lateinschule trat schon frühe die deutsche Schule, und wenn dieselbe ihr„lateinisches Dach“ zufolge der grossen Bedeutung, welche die lateinische Sprache zu jener Zeit im öffentlichen Leben besass, zunächst auch weiter behielt, so waren damit doch die ersten Anfänge gemacht zur Schaffung solcher Schulen, welche ohne Rücksicht auf gelehrte Studien und spezifisch kirchliche Bedürfnisse dem Volke eine allgemeine Bildung zu geben berufen waren.
Allein die Gründung selbständiger, in ihrer Organisation von den gelehrten Schulen völlig abgetrennter städtischer Bürgerschulen fällt in eine verhältnismässig späte Zeit. Erst die Ent- wickelung und Ausbreitung des geschäftlichen Lebens in den Städten und damit das Aufblühen der Städte selbst, das Anwachsen der Selbständigkeit und des Ansehens des städtischen Bürger- tums, vollends aber die Aufklärung des achtzehnten Jahrhunderts brachte es mit sich, dass hervorragende und begeisterte Freunde und Förderer der Volkserziehung ihre Stimme immer lauter erhoben zu Gunsten der Errichtung solcher Schulen, welche speziell die„Erziehung des Bürgers“ ins Auge zu fassen hätten. Seit dem Ende des vorigen und dem Beginne dieses Jahr- hunderts vollzog sich in Deutschland allmälig eine Differenzierung des Schulwesens zu Gunsten der kultivierten Klassen der städtischen Bevölkerung. Den Anlass hiezu gaben zunächst nicht die Landesregierungen, es waren hauptsächlich die städtischen Behörden und Korporationen, in deren Kreisen die UÜberzeugung immer mehr sich Bahn brach, dass es absurd sei vom künftigen Künstler, Handwerker, Kaufmann und Landmann zu verlangen, er solle jahrelang lateinisch lernen, ohne dass er doch die Kenntnis der lateinischen Grammatik in seinem bürgerlichen Berufe verwerten könne. Freilich wurde solchen Ansichten gegenüber von hervorragenden Philologen, deren Stimme schwer ins Gewicht fallen musste, immer wieder darauf hingewiesen, dass„nichts in der Welt die Schulung des Verstandes durch die lateinische Grammatik ersetzen könne“. Allein ihr Widerstand brach sich zuletzt nicht nur an der Macht der Verhältnisse, welche die Loslösung der Bürgerschule von dem Boden des gelehrten Unterrichts immer dringender forderte, sie selbst förderten vielmehr derartige Bestrebungen durch das offene Geständnis, dass die Gymnasien in ihrer Leistungsfähigkeit nur günstig beeinflusst würden, wenn man sie von dem Balaste jener Schüler befreie, welche für höhere Studien nicht befähigt oder diese nicht suchend, gleichwohl in Ermanglung aunderer ent- sprechender Schulen bis zu ihrem Abgange in einen bürgerlichen Beruf die unteren Klassen des Gymnasiums zu besuchen pflegten. So sehen wir namentlich in Norddeutschland in einem Zeit- raume von wenigen Jahrzehnten die kleinen Lateinschulen zumeist verschwinden und an ihre Stelle Bürger- oder sogenannte Realschulen treten. Während der preussische Staat noch um die Mitte des vorigen Jahrhunderts 400 Gymnasien zählte, hatte derselbe im Jahre 1818 deren nur noch 91.
¹) Wir folgen in unserem Überblicke zumeist den Daten und bezüglichen Ausführungen der gründlichen Studie von Dr. J. Capesius:„Beiträge zur Beleuchtung der Bügerschulfrage.“


