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liegt es ihm nicht auch ob, die Glaubensweiſe der verſchiedenen Richtungen, alſo auch die geſicherten Reſultate der hiſtoriſch⸗ kritiſchen Methode mitzuteilen? Gewiß hat er auch dieſes zu thun und zwar deshalb, weil ſich dieſe Methode durch ihre langjährige und tüchtige Arbeit ein Anrecht darauf erworben hat.*) Und zwar richtet ſich dieſes Anſinnen ſowohl an denjenigen Lehrer, welchem die Orthodoxie Ueber⸗ zeugungsſache iſt, als auch an den, der mit ſeinem Herzen auf dem Boden der neueren Theologie ſteht und die geſicherten Reſultate derſelben in ſein religiöſes Denken und Glauben aufgenommen hat.
Der reifere Schüler hat ein Recht darauf, mit den verſchiedenen Anſchauungsweiſen bekannt zu werden, damit er in Stand geſetzt wird, nach beſtem Ermeſſen zu wählen. Sehr wohl darf man ſich an ſein Urteil wenden, und es geht nicht an, das einfach zu ignorieren, was die hervorragendſten theolo⸗ giſchen Forſcher und Lehrer auf dem Gebiete der Lehre als Wahrheit erkannt haben. Der Lehrer kann und ſoll dem Schüler bei dieſer Arbeit Stütze und Hilfe ſein, damit er zu einer geſicherten und frohen Ueberzeugung komme. Was unter der Leitung des Lehrers zum Segen des Schülers ausſchlagen kann, würde häufig zum Unſegen werden und wird es, wie die Erfahrung hinlänglich lehrt, häufig ge⸗ nug, wenn ihm gewiſſe Unterſchiede in den Glaubensweiſen von unberufener Seite und zuweilen auch in böswilliger Abſicht zum Bewußtſein gebracht werden. Sehr oft ſind Indifferentismus oder ausgeſprochener Unglaube die Folge. Der Lehrer kann zur rechten Vorſicht mahnen und vor Ueberſtürzung warnen.
Zunächſt würde man die ältere Lehranſchauung vortragen, ihre etwaigen Mängel aufzeigen und ihr die neuere Anſchauung gegenüberſtellen, z. B. bei der Beſprechung der Anſelm'ſchen Verſöhnungstheorie. Wohl bedarf es dabei der Vorſicht, Unparteilichkeit, der Ruhe und Milde, um in keiner Weiſe zu verletzen. Man wird nicht vergeſſen, zu betonen, daß derartige Lehraufſtellungen zunächſt nur den Wert einer theologiſch⸗ſchulmäßigen Formulierung haben und Menſchenwerk ſind, und daß die Hauptſache immer bleibt, bei allen ſolchen Erörterungen auf Schaffung, beziehungsweiſe Feſtigung eines wahrhaft chriſtlichen Geiſtes hinzuwirken. Man wolle nicht mit der Entgegnung kommen, daß es keine geſicherten Reſultate der hiſtoriſch⸗kritiſchen Methode gebe. Wer auf dieſem Gebiete bekannt iſt und unbefangen urteilt, weiß auch, daß ſolche Reſultate vorhanden ſind.
Unter ſteter Beachtung der beſprochenen Grundſätze iſt der kirchengeſchichtliche Stoff unterrichtlich zu behandeln. Was die Art und Weiſe der Darbietung betrifft, ſo erſcheint es nicht ſtatthaft, daß derſelbe aus irgend einem Lehrbuche vorgeleſen werde, oder daß der Lehrer ein ausgearbeitetes Heft ableſe, viel⸗ mehr muß der Vortrag möglichſt frei verlaufen unter Beobachtung aller an einen guten Vortrag zu ſtellenden An⸗ forderungen. Er habe eine gewählte Form, überſichtliche Darſtellung, ſei lebendig und friſch und zeuge von innerer Anteilnahme des Lehres ſelbſt.
Denken wir uns einen Vortrag über den inneren Kampf, den ein Auguſtin oder ein Luther durch⸗ gemacht hat, bis ſie in den Beſitz der chriſtlichen Wahrheit gelangt ſind, oder über die Glaubenstreue der Märtyrer, z. B. eines Polykarp, und der Lehrer vermag mit Wärme und Ueberzeugung zu ſprechen, alles unter die rechte Beleuchtung des Wortes Gottes zu ſtellen, die Anwendung für das Leben der Schüler zu machen, zu Ausdauer, Treue und Gewiſſenhaftigkeit zu ermahnen— wie ſollte ein ſolcher Vortrag wirkungslos an Herz und Willen der Schüler vorübergehen?
Die Kirchengeſchichte bietet eine ungemein reiche Auswahl ſolcher Stoffe, die unmittelbar ſegenbringend für Sinn und Leben der Schüler verwendet werden können. Freilich muß es dem Lehrer Ernſt ſein mit ſeinem Religionsunterrichte, muß er ſtets erfüllt ſein von dem Bewußtſein der heiligen Aufgabe, die er zu löſen berufen iſt, Herz und Ueberzeugung müſſen mitreden. Was von Herzen kommt, geht zu Herzen. Und es wird ſich auf dieſe Weiſe ein geiſtiger Rapport zwiſchen Schüler und Lehrer herſtellen laſſen, der die Vorbedingung einer erfolgreichen Wirkſamkeit iſt.
. Wie wünſchenswert iſt es, daß der Religionslehrer an höheren Lehranſtalten bei ſeiner wichtigen und ungemein ſchwierigen Aufgabe mit der nötigen Glaubensinnigkeit und⸗Freudigkeit, mit Weisheit,
*) Jacobſen,„Religionsunterricht und neuteſtamentliche Kritik“. Zeitſchrift für den evang. Religions⸗ unterricht I. 2. 159.


