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überall wird man auf die Schrift zurückgehen und intereſſante Streiflichter von ihr aus auf den zu be⸗ handelnden Stoff können fallen laſſen. Vielfach wird ſich dabei die kirchengeſchichtliche Entwicklung als eine im Geiſte der Schrift begründete, dann aber wieder als eine von demſelben abweichende charakteriſieren, in letzterer Beziehung z. B. die Hierarchie, das Papſttum, die von Auguſtin vertretene Anſchauung von der Erbſünde und ihrer Einwirkung auf das Weſen des Menſchen, das Mönchtum, in erſterer Beziehung z. B. die Miſſion, die Verfaſſung in der apoſtoliſchen Zeit, im großen und ganzen das Leben in den erſten Jahrhunderten. Bei der Beſprechung der Miſſion iſt hinzuweiſen auf den Taufbefehl Jeſu, auf ſeine Inſtructionsrede in Matth. 10, auf die Miſſionsthätigkeit der Apoſtel, beſonders des Paulus. Die Dar⸗ ſtellung der Verfolgungen von Seiten der Juden und Heiden wird angeknüpft an die Berichte der Evangelien und Apoſtelgeſchichte über Verfolgungen Jeſu und ſeiner Jünger. Werden die verſchiedenen Lehrgeſtaltungen und Richtungen in der evangeliſchen Kirche beſprochen, ſo möge man hinweiſen auf den Unterſchied in der Auffaſſung des Glaubens bei Jakobus und Paulus, der Perſon Jeſu bei den Synop⸗ tikern und Johannes, bei Beſprechung der Lehrſtreitigkeiten zurückgehen auf die Streitigkeiten über Gebräuche und Glaubenslehren in der Korinthergemeinde und auf diejenigen in dem Apoſtelconvent zu Jeruſalem, ſowie hinweiſen auf die Art ihrer Beilegung durch Paulus im erſten Brief an die Corinther, im Galater⸗ und Römerbrief.
In der alten, ſowie in der evangeliſch⸗lutheriſchen Kirche hat es langer und heftiger Kämpfe bedurft, bis es zu einem Abſchluſſe der Lehre gekommen iſt. Auch hier wird der obenangeführte Grundſatz der Betonung des religiös⸗ſittlichen Momentes und der Zurückſtellung des rein Theologiſchen bei der Behand⸗ kung maßgebend ſein. Man wird zwar die Entſtehung der einzelnen Dogmen nicht übergehen und jeden⸗ ſalls die verſchiedenen ſich gegenüberſtehenden Anſchauungen und Auffaſſungen(Arius und Athanaſius; Pelagius und Auguſtin, über den ſtreitigen Gegenſtand mitteilen, tieferes Eingehen auf dieſelben dagegen vermeiden. Es bedurfte ja wohl ſolcher Kämpfe zur Feſtſtellung der Lehre, aber die darauf bezüglichen Streitigkeiten laſſen die praktiſche Bethätigung der chriſtlichen Forderungen zu kurz kommen und bilden gerade deshalb in praktiſcher Beziehung die unſruchtbarſten und trübſten Zeiten in der Kirche. Zudem ſind die Entſcheidungen in der alten Kirche zuweilen auf recht gewaltſame Weiſe unter willkürlichem Ein⸗ greifen der Kaiſer zu Stande gekommen.*)
Auch die neuere und neueſte Kirchengeſchichte bringt verſchiedene Geſtaltungen des chriſtlichen Lehr⸗ gehaltes. Orthodoxie, Piteismus und Rationalismus löſen ſich ab. Jede dieſer Geſtaltungen hat eine Zeitlang das chriſtliche Denken und Leben beherrſcht, aber ſie alle haben ſich ſchließlich als einſeitig und unzureichend erwieſen. Als ſolche einſeitigen Geſtaltungen müſſen ſie dem Schüler zum Bewußtſein kom⸗ men und ihm folgerichtig die Notwendigkeit einer teilweiſen Neubegründung der chriſtlichen Lehre er⸗ weiſen. Aber wenn auch dieſe Arbeit ſchon ſeit langer Zeit begonnen und zum Teil mit gutem Erfolge auf die Schaffung neuer Poſitionen hingewirkt hat, ſo iſt doch bis jetzt eine Uebereinſtimmung in der cheologiſchen Formulierung nicht erzielt. Auch heute exiſtieren verſchiedene theologiſche Richtungen, die alle mehr oder weniger den Anſpruch erheben, den reichen chriſtlichen Lehrgehalt in einer dem Glaubens⸗ inhalte der Schrift adäquaten Form wiederzugeben.
Es iſt nun gewiß eine wohlgemeinte Forderung, in dem Religionsunterrichte nur aufbauend, poſitiv zu verfahren, d. h. nur das zu bringen, was das religiöſe Bedürfnis zu befriedigen im Stande iſt, und nicht etwa kritiſch zu verfahren, und wir würden ihr nicht weniger als andere das Wort reden, wenn es damit gethan wäre und dem Schüler der Unterſchied der Richtungen nicht zum Bewußtſein käme. Da einmal dogmatiſche Beſprechungen aus dem kirchengeſchichtlichen Unterricht nicht zu verbannen ſind, ſo erhebt ſich die Frage, wie hat ſich der Lehrer den verſchiedenen Glaubensrichtungen gegenüber zu verhalten? Kann das nur ſeine Aufgabe ſein, den Schüler in den Gedankenkreis einer beſtimmten Richtung einzuführen, oder
*) Tiſchhauſer, Kirchengeſchichte p. UI:„Die Lehrſtreitigkeiten der Biſchöfe waren ſchon damals mehr
Staats⸗ als Reichs⸗Gottesangelegenheiten“. Hilarius:„Ueber all' das Streiten und Schreiben vom
Glauben hat man den Glauben ſelbſt vergeſſen und keiner mehr gehört Chriſto an.“


