— 4—
Lehrweiſe wird Verſtändnis und Aneignung weſentlich erſchweren, während eine geſchickte Darbietung des Stoffes das Verſtändnis ebenſo erleichtern wird.
Da ſich nun die Methode oder die unterrichtliche Behandlung und Uebermittlung des Stoffes nach dem geiſtigen Stande der Schüler wie nach dem Ziele des Unterrichtes richten wird, ſo erhebt ſich für uns zunächſt die Frage, welches iſt das Ziel des evangeliſchen Religionsunterrichtes? Wenn nach unſerer Forderung die Religion ſämtliche Seiten des Menſchengeiſtes in Anſpruch nimmt, ſo muß gleichermaßen der Religionsunterricht auf den ganzen Menſchengeiſt einwirken, und das Ziel kann demnach nur ſein, neben An⸗ eignung des evangeliſchen Lehrgehaltes ein evangeliſch⸗chriſtliches Denken, Fühlen und Wollen, mit einem Worte eine evangeliſch⸗chriſtliche Grundſtimmung des ganzen Menſchen herbeizuführen.*) Ein anderes Ziel kann auch der kirchengeſchichtliche Unterricht als ein Teil des Religionsunterrichtes überhaupt nicht haben. Die kirchengeſchicht⸗ lichen Stoffe ſind dazu nur das Mittel. Und gerade er iſt ganz vorzüglich geeignet, jene Grundſtimmung herbeizuführen, denn die Kirchengeſchichte erſcheint uns in einer großen Zahl von Beiſpielen und Perſön⸗ lichkeiten als eine Umſetzung des chriſtlichen Lehrgehaltes, der chriſtlichen Grundſätze in die Praxis, als ein Wahrheitsbeweis der Lehre Chriſti im großen Stile. Wenn ſie uns ſchon mannigfache Abirrungen von den Principien des Chriſtentums in oft erſchreckender Weiſe kennen lehrt und uns vor gleichen Ver⸗ fehlungen warnt, ſo iſt ſie auf der anderen Seite ein mächtiger Zeuge von dem Segen, der in allen Jahr⸗ hunderten von dem Chriſtentume ausgegangen iſt, und bekundet, bis zu welcher Höhe chriſtlicher Be⸗ geiſterung, bis zu welcher Kraft chriſtlichen Glaubensmutes und chriſtlicher Liebesthätigkeit der von dem Geiſte Chriſti erfüllte Menſch ſich emporſchwingen kann.
Gehen wir nun nach der Beſtimmung des Zieles zu der Beſprechung der Grundſätze der Behandlung, der Verteilung auf die verſchiedenen Claſſen und der Auswahl des kirchengeſchichtlichen Stoffes über!
I
Behalten wir ſtets das oben angegebene Ziel im Auge, ſo wird ſich von ſelbſt die Ueberzeugung aufdrängen, daß es nicht erforderlich iſt, ja nicht einmal wohl gethan ſein kann, die Schüler in möglichſt ausführlicher Weiſe in alle Wandlungen und Ereigniſſe der kirchengeſchichtlichen Entwicklung einführen zu wollen. Es gibt in der Kirchengeſchichte Vieles, das in erſter Linie nur für den Theologen Wert hat. Das wird man ausſcheiden oder doch nur inſoweit berückſichtigen, als davon etwa das Verſtändnis wichtiger Lehranſchauungen oder Entwicklungen in der Kirche abhängig iſt. Beſonders gilt das für alle die verſchiedenen Wandlungen, welche die Lehrentwicklung zu durchlaufen hatte.
Dagegen gibt es für den Gymnaſialunterricht ſehr wertvolle Partieen. Man hat für den univerſal⸗ geſchichtlichen Unterricht eine mehr biographiſche Behandlung gefordert, und man wird im Intereſſe des Unterrichtes dieſe Forderung in ausgedehnterem Maße als ſeither berückſichtigen müſſen. Dieſelbe Forderung ſtellen wir auch für den kirchengeſchichtlichen Unterricht: Er ſoll zum Teil biographiſch ſein. Wir denken dabei an eine Vorführung der namhafteſten Perſönlichkeiten, die für die Entwicklung der chriſtlichen Lehre und des chriſtlichen Lebens, wie für die Ausgeſtaltung der Kirche überhaupt von maßgebendem Einfluſſe geweſen ſind, und zwar in allen Perioden, von Anfang an bis in die neuere und neueſte Zeit, z. B. eines Paulus, Juſtin Martyr, Origenes, Tertullian, Cyprian, Auguſtin, Chryſoſtomus, Ambroſius, Bonifatius, Bernhard von Clairvaux, Tauler, Luther, Melanchthon, Zwingli, Calvin, Spener, Franke, Schleiermacher. Beſonders wertvoll für unſeren Zweck iſt die Betrachtung ſolcher Männer, die in ihrem eignen Leben den Forderungen des Chriſtenthums nach der religiöſen wie nach der ſittlichen Seite genügt haben, alſo wahr⸗ haft chriſtlicher Perſönlichkeiten. Die Darſtellung wird ſich auf die Vorführung äußerer Lebensverhältniſſe nicht beſchränken, mag aber bei beſonders hervorragenden Perſönlichkeiten wie Auguſtin und Luther aus⸗
*) Vom hiſtoriſchen Standpunkte ſieht Höfer in den Jahrbüchern für Pädagogik von Maſius, 1881, p. 206, die Aufgabe des Religionsunterrichtes in den oberen Claſſen alſo an:„Ein ſelbſtändiges Urteil in religiöſen und kirchlichen Fragen zu begründen durch die Kenntnis der Geſchichte des Chriſtentums“. Dieſe Beſtimmung für ſich allein erſcheint zu einſeitig formell. Gewiß wird es jeder wohl erteilte Religions⸗ unterricht dahin zu bringen ſuchen, aber die Beſtimmung des Zieles muß umfaſſender ſein.


