Der kirchengeſchichtliche Unterricht im Gymnaſium.
„In necessariis u nitas, in dubiis libertas, in omnibus carit as.“
Der evangeliſche Religionsunterricht iſt ein integrierender Teil des Gymnaſiallehrplanes und wird auf allen Unterrichtsſtufen betrieben. Er hat die Aufgabe, an der Geſamtausbildung des jugendlichen Geiſtes an ſeinem Teile mitzuarbeiten. Wenn der ſprachliche, mathematiſche und naturwiſſenſchaftliche Unterricht ſeine Aufgabe in der wiſſenſchaftlichen Ausbildung des Schülers erblickt, ſo der religiöſe in der religiös⸗ſittlichen. Hat demnach jener vorwiegend eine formale Seite, ſo dieſer eine materiale. Jener hat es in erſter Linie mit der Erkenntnis, dem Wiſſen, dieſer mit dem Ahnen und Glauben, der vertrauens⸗ vollen Hingabe des Herzens an Gott zu thun. Aber er nimmt zugleich den ganzen Menſchen, ſämtliche Seiten der menſchlichen Geiſtesthätigkeit in Anſpruch, das Denken, Fühlen und Wollen. Würde er dies nicht thun, ſo wäre ſeine Thätigkeit eine einſeitige und irrige, die eben ſolche einſeitigen Erſcheinungen zu Tage förderte, wie ſie öfters in der Entwickelung der chriſtlichen Kirche zu Tage getreten ſind.
Der evangeliſche Religionsunterricht übermittelt dem Schüler die chriſtliche Weltanſchauung und lehrt ihn im Gange der Weltgeſchichte einen großartigen göttlichen Heilsplan*) wahrnehmen. Er weiſt nach dem Beiſpiele eines Clemens Alexandrinus und Origenes darauf hin, wie auch das Heidentum nicht völlig entblößt iſt von dem göttlichen Geiſte trotz der irrigen Gottesanſchauung und des ſittlichen Verderbens, wie es aber doch, hingewieſen nur auf menſchliche Erkenntnis, ſeinem Ruine entgegenging und einer beſſeren Gotteserkenntnis Platz machen mußte.
Der evangeliſche Religionsunterricht wird ſomit das Heidentum als eine, wenn auch ſehr unvoll⸗ kommene, religiöſe Vorſtufe anſehen und betrachten lehren“*), der es an einzelnen Lichtblicken, an Bethätigung mancher Tugenden nicht gefehlt hat. Er weiß, daß die Lehren und Thaten hervorragender Denker und Helden zum Teil wohl geeignet ſind, die Jugend zu begeiſtern und zur Nachahmung zu reizen und das Heidentum reich iſt an ſolchem Bildungsmaterial. Hier findet der evangeliſche Religionsunterricht ſeinen Anknüpfungspunkt; alles Schöne und Gute, alles ideale Streben lehrt er als Wirkungen göttlicher Thätigkeit verſtehen“**) und leitet von hier aus hinüber auf das höhere und reinere Gebiet chriſtlichen Denkens und Lebens. In dieſem Geiſte ſucht er ſeinerſeits die Einheit des Unterrichtes und der erzieh⸗ lichen Thätigkeit aufrecht zu erhalten.
Wie jeder Gegenſtand, der unterrichtlich mitgeteilt wird, ſo unterliegt auch die Religion einer methodiſchen Behandlung. Es iſt ungemein wichtig, daß der religiöſe Lehrſtoff auf der richtigen Stufe und in einer dem Auffaſſungs⸗ und Vorſtellungsvermögen angemeſſenen Form und Art und Weiſe mitgeteilt werde. Der Beſitz reicher Kenntniſſe an ſich befähigt noch nicht zur unterrichtlichen Thätigkeit, es gehört dazu weſentlich pädagogiſche Begabung und methodiſche Ausbildung. Man unterſchätze dieſe Seite der lehramtlichen Thätigkeit und Aufgabe nicht. Sie iſt das Mittel und Werkzeug, durch welches der Stoff ſeine angemeſſene Bearbeitung und die angemeſſene Form der Uebermittlung gewinnt. Eine unſachgemäße
*) Auguſtin, de civitate dei. **) Döllinger, Heidentum und Judentum. Vorhalle zur Geſchichte des Chriſtentums.
***) Cicero, de natura deorum II, 66: Nemo vir magnus sine aliquo afflatu divino unquam fuit. De divina t. I, 18 Oracula instinctu divino afflatuque funduntur. 3 3—


