Aufsatz 
Ueber die Verwertung des geschichtlichen Elements im chemischen Unterricht / von L. Knöpfel
Entstehung
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Jedes Gewordene kann nur durch ſeine Entwicklung richtig verſtanden werden. Die Gegen⸗ wart iſt nur durch die Vergangenheit zu begreifen. Dies zeigt uns ſo deutlich die Weltgeſchichte. Deshalb endlich einmal fort mit der bequemen, denkfaulen dogmatiſchen Methode, die, wie ſchon Dieſterweg mit Recht lebhaft bedauernd hervorhebt, auf den Univerſitäten die herrſchende ſei, weil die entwickelnde Methode eben die ſchwierigere ſei. Den Wert der Entwicklung hat man in den Wiſſen⸗ ſchaften ſelbſt wohl erkannt, in der Methodik der Wiſſenſchaften wird derſelbe faſt völlig überſehen.

Der Unterrichtsgegenſtand darf den Schülern nicht fertig gegeben, ſondern ſoll unter deren Mitwirkung entwickelt werden.Die Reſultate einer Wiſſenſchaft, zu deren Aufbau die Geiſtes⸗ arbeit von Jahrtauſenden erforderlich war, ſollten, wie mit Recht die Oſtreichiſchen Inſtruktionen für den Unterricht lauten, nicht in einer Darſtellung vorgeführt werden, welche den Eindruck macht, als ob es ſich durchweg um längſt bekannte und auf naheliegende Schlußfolgerungen beruhende Dinge handele, und die den Schüler nicht ahnen läßt, welche Unkenntnis und welche Zweifel und Irr⸗ tümer Jahrhunderte lang über manche Fragen walteten, und unter welchen Schwierigkeiten die hervor⸗ ragendſten Männer der Wiſſenſchaft zu den heute ſo einfach erſcheinenden Ergebniſſen gelangt ſind. Der Schüler ſoll Achtung bekommen vor der Geiſtesarbeit der größten Denker, er ſoll ahnen, was es heißt, die Wahrheit zu erforſchen.

Wie ſoll nun der entwickelnde Unterricht eingerichtet ſein? Ziller ſagt:Es muß an die Stelle des rein logiſchen Gedankengangs, den die Wiſſenſchaften einſchlagen, der pſychologiſche treten, der ohnehin der Natur des Geiſtes angemeſſen iſt. Der Unterrichtsſtoff muß ſich vor allem nach der Aufnahmefähigkeit des Schülers richten. Die ſchönſte logiſche Entwicklung bleibt unver⸗ ſtanden, wenn ſie einen unfruchtbaren Boden antrifft. Der Methodiker hat deshalb den kindlichen Verſtand zu unterſuchen. Die Pſychologie iſt alſo das Fundament, auf dem der Unterrichtsgegenſtand aufgebaut werden muß. Dieſterweg ſagt:Der entwickelnde Unterricht iſt weſentlich pſychologiſch. Er ſucht den Gang dernatürlichen Entwicklung, fragt überall danach, auf welche Weiſe ein geſunder Menſch ſich des jedesmal vorliegenden Lehrſtoffs bemächtigt und befolgt dieſen Weg.

Wie wollen wir dieſe von den größten Pädagogen geforderte pſychologiſche naturge⸗ mäße Entwicklung eines Lehrgegenſtands finden? In erſter Linie ſind wir auf uns ſelbſt angewieſen. Wird jedoch das Reſultat unſerer Selbſtprüfung nicht mehr oder weniger ſubjektiv ſein? Worin haben wir eine Kontrolle, was einfach und natürlich und was zuſammengeſetzt und ſchwierig iſt? Gibts hier nicht vielleicht einen weniger ſchwankenden Maßſtab als unſer ſubjektives Urteil? Ich komme hier auf einen Punkt zu ſprechen, der meines Wiſſens für die Methodik des chemiſchen Unterrichts mit Bewußtſein noch nicht mit Nachdruck hervorgehoben worden iſt.

Ein tieferes Eingehen in die geſchichtliche Entwicklung eines Gegenſtandes, ſei es Welt⸗ geſchichte oder die Naturwiſſenſchaften, muß uns die Überzeugung liefern, daß die Geſchichte nicht in einer zuſammenhangloſen Nebeneinanderreihung von Thatſachen beſteht. Nur iſt es eben ſchwieriger den Zuſammenhang zu erkennen, als die nackten Thatſachen nebeneinander zu ſtellen. Die Geſchichte jeder Wiſſenſchaft enthält die Schule des menſchlichen Geiſtes. Ich habe oben bei der Verbrennungs⸗ lehre gezeigt, wie jeder Forſcher abhängig iſt von den früheren, wie ſich eine geſchichtliche Thatſache ganz allmählich aus den leiſeſten Anfängen heraus entwickelt. Wird das, was ſich der Beobachtung der Menſchheit in ihrer Jugend zuerſt aufdrängte, nicht auch paſſend zum Ausgangspunkt für die