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plötzlich entſtehen. Nur langſam werden die Erfahrungsthatſachen durch die Arbeit vieler zuſammengetragen, nur ſtetig reifen die den Geſetzen zu Grunde liegenden Ideen, bis endlich das ihnen gemeinſame Geſetz von Einem, bisweilen auch gleichzeitig von mehreren ausgeſprochen wird. Keine epochemachende Anſicht wird mit einem Mal aufgeſtellt und ſofort angenommen. Jede wird vorbereitet, bekämpft und begründet. Wir ſehen ſie als die herrſchende anerkannt und weiter ent⸗ wickelt, ſie wird gegen neu auftretende Anſichten verteidigt und endlich geſtürzt oder mit einer neuen verſchmolzen.
Lavoiſier iſt der Begründer der antiphlogiſtiſchen Theorie. Wäre er es auch geworden, ohne die Vorarbeiten ſeiner Vorgänger? Den Schlüſſel zur Erklärung der Verbrennung gab ihm Priſtley in dem von ihm entdeckten Sauerſtoff. Das entſcheidende Experiment, Metalle in einem abgeſchloſſenen Raum zu erhitzen, überkam er von Boyle. Vor dieſem verbrannte ſchon van Helmont Körper in einem durch Waſſer abgeſperrten Raum. So ſteht gleichſam der nachfolgende Forſcher auf den Schultern ſeiner Vorgänger. Jeder Folgende thut einen Schritt weiter. Es kommt dann eine Zeit, wo es gleichſam in der Luft liegt, daß die Entdeckung gemacht werden muß. Ein weit⸗ blickendes Genie faßt dann alle Erfahrungen zuſammen und vereinigt ſie zu einem Geſetz. Keine Entdeckung iſt im vollen Sinn eine ſelbſtändige, jede iſt vom allgemeinen Geiſt ihrer Zeit getragen und meiſt von ihm hervorgerufen, jedenfalls aber von den früheren Arbeiten vorbereitet. Wir begreifen, daß eine Entdeckung gleichzeitig von mehreren gemacht werden konnte, weil ſie gemacht werden mußte, ſobald die Bedingungen dazu gegeben waren, und nichts iſt natürlicher, als daß dieſe Bedingungen auf mehrere gleichzeitige Individuen gleichmäßig einwirken mußten..
5. Recht intereſſant iſt es, den Urſachen nachzuſpüren, wie es kommt, daß Revolutionen auf geiſtigem Gebiete gerade zuſammenfallenmit bedeutenden Veränderungen auf kulturellem oder politiſchem Gebiete. Iſt es Zufall, daß zur Zeit der franzöſiſchen Revolution die Fackel der chemiſchen Wiſſenſchaft das Dunkel der auf Vorurteil und Autorität ge⸗ gründeten Phlogiſtontheorie hell erleuchtete? Ein tragiſches Schickſal wollte es, daß der erhellende Stern, der Urheber der geiſtigen Revolntion, der Schreckensherrſchaft zum Opfer fallen ſollte.
IV. Die geſchichtliche Entwicklung ein Vorbild der Schulmethode.
Wenn wir jetzt vorurteilsfrei die Entwicklung der Verbrennungslehre überblicken, ſo werden wir die Forderung Dieſterwegs verſtehen:„daß der formale Zweck aller Unterrichtsgegen⸗ ſtände genetiſche Behandlung verlangt, weil dieſe auch nur auf ſolche Weiſe ins Bewußtſein des Menſchen gekommen ſind. Die Art und Weiſe, wie die Gegenſtände des Wiſſens gefunden wurden, iſt zugleich die wahrhaft bildende Methode.“ Die Methode des wiſſenſchaftlichen Er⸗ kennens muß auch die Methode des Unterrichtz ſein. Wie ſieht es nun in dieſer Hinſicht in den Lehrbüchern aus?


