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Grundlage jeder Naturerkenntnis iſt gute Beobachtung. Manche Umſtände von Naturerſcheinungen, wie die Notwendigkeit der Luft beim Verbrennen, drängen ſich ohne weiteres dem Menſchen auf, andere dagegen, wie die Gewichtszunahme beim Verkalken, verdankt man meiſtens einem glücklichen Zufall.— Eine Beobachtung muß jedoch vor allem genau und vollſtändig ſein. Es genügt nicht zu wiſſen, daß Luft beim Verbrennen überhaupt nötig iſt, oder daß die Metalle beim Verkalken ſchwerer werden. So überſah ferner Boyle bei obigem Verſuch, den Glaskolben auch vor dem Offnen zu wiegen.
Daß bloße, wenn auch gute Beobachtung nicht zur Erklärung führt, lehren die vorzüglichen Experimentatoren Scheele und Cavendiſh. Die auf gute Bevobachtung natürlicher oder künſtlich hervorgerufener Naturerſcheinungen beruhende Erfahrung muß nach den Regeln der induktiven Forſchungsmethode durch den Verſtand verarbeitet werden. Der Mann, der die eben gekennzeichnete Forſchungsart in hohem Grade auszuüben verſtand, war Lavoiſier. Mit ſeinem mathematiſch und phyſitkaliſch geſchulten Geiſt ließ er neben der qualitativen auch die quantitative Seite der Naturerſcheinungen nicht außer Acht. Erſt dadurch war es ihm möglich, das Jahrhunderte alte Rätſel der Verbrennung zu löſen.
Einen der größten Fehler in der Erforſchung bilden Vorurteil und Autoritäts⸗ glaube. Auf die Ariſtoteliſche Lehre baute Stahl ſeine Phlogiſtontheorie. Ohne die Macht des Vorurteils hätte dieſe Theorie nicht ſo lange herrſchen und hartnäckig verteidigt werden können. Der Autoritätsglaube tritt einer originellen Entwicklung des Individuums hindernd in den Weg.
Den Wert der Analogie zeigt die Entwicklungsgeſchichte der Verbrennungslehre, indem Verbrennen und Verkalken immer gemeinſam betrachtet wurden. Wegen der ÄAnhnlichkeit beider Vorgänge ſchloß man aus der Notwendigkeit der Luft bei der Verbrennung, daß wohl auch beim Verkalken Luft nötig ſei. Andererſeits würde die Einſicht noch ſpäter gereift ſein, daß die Körper beim Verbrennen, ähnlich wie beim Verkalken, ſchwerer werden. Die Analogie kann jedoch nur ſelten entſcheidend beweiſen, ſondern gibt vielmehr die Richtung an, in der zu forſchen iſt.— Analogie von Verbrennen und Atmen, von Verbrennen und Verweſen!— Beiſpiele für falſche Analogie!
3. Das Schickſal der Phlogiſtontheorie lehrt uns die Wandelbarkeit der wiſſen⸗ ſchaftlichen Anſichten. Selbſt die ſcheinbar begründetſten Theorien mußten mit der Zeit wieder verlaſſen werden. Auch unſere heutigen Anſichten ſind die Vorläufer von beſſeren. Ein Rückblick auf die Vergangenheit lehrt, daß unſere Naturgeſetze nicht unumſtößliche Wahrheiten, Offenbarungen ſind, ſondern daß ſie nur als der zeitliche Ausdruck einer gewiſſen Reihe von Thatſachen betrachtet werden können, die auf dieſe Weiſe in der für uns zweckmäßigſten Art zuſammengefaßt und, wie wir ſagen, erklärt werden. Wenn dieſe Wandelbarkeit der Anſichten nun ſchon für die exakten Wiſſenſchaften gilt, um wieviel mehr wohl erſt in den der exakten Forſchungsmethode wenig zu⸗ gänglichen Gebieten, wie Moral, Politik u. ſ. w. Die Geſchichte der Chemie, wie die jeder Natur⸗ wiſſenſchaft, verlangt von uns Beſcheidenheit in unſerem Wiſſen und vor allem Toleranz. Nur der kurzſichtige Ignorant wird behaupten können, im Beſitz der allein richtigen wiſſenſchaft⸗ lichen Wahrheit zu ſein.
4. Aus der hiſtoriſchen Darſtellung erkennen wir auch, daß die Entdeckungen auf geiſtigem Gebiete nicht, wie Minerva in dem Haupte Jupiters, in dem Kopfe eines Einzelnen


