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ſollten jedoch nur eine paſſive Rolle beim Verkalken und Verbrennen ſpielen. Sie nehmen das Phlogiſton auf, ähnlich wie Hooke ſchon angenommen hatte. Die Raumverminderung blieb unerklärt, als un⸗ weſentlich. Wenn nun der verkalkende Körper ſchwerer wird bei gleichzeitiger Raumverminderung der Luft, liegt es denn da eigentlich nicht auf der Hand, daß der verkalkende Körper die verſchwundene Luft, beziehungsweiſe den Sauerſtoff aufgenommen haben ſollte? Erſt Lavoiſier zog dieſen Schluß, vor ihm jedoch auch ſchon Mayow, deſſen Anſichten jedoch wegen mangelhafter experimenteller Be⸗ gründung unbeachtet blieben. Den entſcheidenden Ausſchlag gab die von Lavoiſier auch experimentell nachgewieſene Folgerung, daß der Metallkalk und das Verbrennungsprodukt genau um ſoviel an Gewicht zunehmen müſſe, als die Luft verliere.
Während die Phlogiſtiker unter Vernachläſſigung der quantitativen Seite immer nur die qualitativen Verhältniſſe der Vorgänge berückſichtigten, erfaßte, unter Abſtreifung jeglichen Vorurteils, der mathematiſch und phyſikaliſch geſchulte Geiſt Lavoiſiers auch die quantitative Seite der Erſcheinungen. Mit einem Geiſtesfluge, der ſich hoch über die Ideen ſeiner Zeitgenoſſen erhob, wußte er die von ihnen gefundenen, aber falſch gedeuteten Erſcheinungen zu entziffern.
Durch Lavoiſiers Lehre war das ſtolze Gebäude der Phlogiſtontheorie auf den Kopf geſtellt. Waren nach dieſer die Metalle und alle brennbaren Körper zuſammengeſetzte Stoffe und die Ver⸗ brennungs⸗ und Verkalkungserſcheinungen ſelbſt Zerſetzungen, ſo behauptete jetzt Lavoiſier gerade das Gegenteil. Die Metalle, ferner Schwefel, Phosphor, Kohlenſtoff, Sauerſtoff u. ſ. w. ſind Elemente, und die Verbrennungserſcheinungen ſind Vereinigungsprozeſſe. Einer ſolchen großartigen Revolution auf geiſtigem Gebiete iſt nur die Kopernikaniſche Lehre von der Bewegung der Erde um die Sonne an die Seite zu ſtellen. In beiden Fällen hatte die alltägliche Sinnestäuſchung die Menſchheit Jahrtauſende lang im Irrtum gehalten.
Welches Schickſal erlitt die neue Lehre Lavoiſiers? Nachdem 1777, beziehungsweiſe 1783 die antiphlogiſtiſche Theorie klar da lag, geſtützt auf einfache, überzeugende Verſuche, die jedermann mit den geringſten Mitteln kontrollieren konnte, hätte man glauben ſollen, die neue Lehre wäre von den Gelehrten mit Freude begrüßt worden und hätte im Siegeslauf die Welt raſch erobert.
Gerade das Gegenteil fand ſtatt. Die Mitſtreiter Lavoiſiers in der Unterſuchung der Luft und der Verbrennungsvorgänge, Priſtley, Scheele und Cavendiſh, blieben bis an ihr Lebensende der Phlogiſtontheorie treu. Gerade ſie gaben Lavoiſier die Waffen in die Hand, mit denen er ihre Lehre beſiegte. Sie konnten ſich eben nicht von der gewaltigen Macht des Vorurteigts freimachen, daß Verbrennen nur ein Zerſetzungsprozeß ſein könne. Nicht die Lehre ſelbſt zog ſoſehr die Gegner auf ihre Seite, als vielmehr das Vertrauen auf Autoritäten. Berthollet, einer der bedeutendſten Chemiker der damaligen Zeit, war einer der erſten, der ſich zur neuen Lehre bekannte, im Jahre 1785. Seine Autorität, das Vertrauen auf ſeine Fähigkeit, hier zu entſcheiden, bewirkte bald, was Lavoiſiers folgerichtige Auseinanderſetzung bisher nicht hatte durchſetzen können. Viele andere Chemiker folgten dem Beiſpiel Berthollets.— Kirwan ſchrieb 1792 an Berthollet:„Nach 10jähriger An⸗ ſtrengung lege ich die Waffen nieder und gebe die Phlogiſtontheorie auf. Ich ſehe jetzt klar ein, daß das phlogiſtiſche Syſtem nicht länger aufrecht zu halten iſt.“
In Deutſchland, der Heimat der Phlogiſtontheorie, verhinderte nationales Vorurteil die raſche Annahme der franzöſiſchen Lehre, ſodaß ſie hier erſt ein Jahrzehnt ſpäter Eingang fand als


