Aufsatz 
Ueber die Verwertung des geschichtlichen Elements im chemischen Unterricht / von L. Knöpfel
Entstehung
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moraliſcher Ausbildung. Dann erſt ſind wir nicht bloß Lehrer der Mathematik, dann ſind wir was unſer Stolz und unſere Freude Lehrer und Bildner der Jugend und wiſſen uns als Arbeiter für geiſtige, für ſittliche Kraft und Stärke unſeres Volkes und wiſſen uns ſo dienend dem Wohlge⸗ deihen der Menſchheit.

Derſelben Einſicht vom Wert der geſchichtlichen Entwicklung entſprang das Unternehmen von Profeſſor Oſtwald,die Klaſſiker der exakten Naturwiſſenſchaften herauszugeben. Oſtwald beklagt das Fehlen des hiſtoriſchen Sinns und bezeichnet die von ihm herausgegebenen Schriften für eine unerſchöpfliche Fundgrube von Anregungen und fördernden Gedanken. Sie ſollen das Eindringen in die Wiſſenſchaft beleben und vertiefen.

Krenzlin bearbeitete voriges Jahr dieſen Gegenſtand in der Beilage zum Programm des Realgymnaſiums zu Nordhauſen unter dem Titel:Über die Verwendung des geſchichtlichen Elements im phyſikaliſchen Unterricht.

So regt ſich eben das hiſtoriſche Intereſſe an allen Enden. Wenn nicht alle Zeichen trügen, ſo ſcheint für die Schulmethodik der Naturwiſſenſchaften eine neue Ara anzubrechen. Kein Lehrer der Naturwiſſenſchaften darf die hiſtoriſche Seite unberückſichtigt laſſen. Auf die dogmatiſche Methode folgte die logiſch⸗pſychologiſche Behandlung, die jetzt durch die geſchichtliche Entwicklung vertieft und durchgeiſtigt werden ſoll.

Wie könnte das auch anders ſein, nachdem die entwickelnde Methode anerkannt iſt! Die Weltgeſchichte ſoll die Lehrmeiſterin der Menſchheit ſein; warum nicht auch die Geſchichte der Naturwiſſenſchaften?

Ladenburg beginnt ſeineVorträge über die Entwicklungsgeſchichte der Chemie in den letzten 100 Jahren mit dem Satz:Der Wert hiſtoriſcher Darſtellung iſt unbeſtritten. Whewell ſchreibt in ſeiner vortrefflichenGeſchichte der induktiven Wiſſenſchaften, 1840:Die Kenntnis der Wege, auf welche unſere Väter die Wiſſenſchaft auf ihren heutigen Zuſtand gebracht haben, macht uns nicht bloß mit unſeren wiſſenſchaftlichen Reichtümern, ſondern auch mit den Mitteln be⸗ kannt, ſie zu ſichern und noch weiter zu vermehren. Die Geſchichte der induktiven Wiſſenſchaften ſoll uns die beſten Methoden kennen lernen, das wiſſenſchaftliche Erbe wohlgeſichert unſeren Enkeln zu überliefern.

Wie erklärt ſich nun die bedauernswerte Thatſache, daß trotz mannigfacher Anerkennung die geſchichtliche Entwicklung auf höheren und niederen Schulen ganz ignoriert wird?

Die Vertreter der chemiſchen Wiſſenſchaft ſind meiſtens Specialiſten und haben über ihre Einzelforſchungen den Blick über das Ganze verloren. Es fehlt der philoſophiſche Sinn, der eine pragmatiſche Betrachtung der chemiſchen Lehren zeitigen könnte. Das Specialiſtentum kann keine Darſtellung erzeugen, die das Weſen der chemiſchen Erſcheinungen in logiſcher und geſchichtlicher Entwicklung darbietet. Man gibt höchſtens gelegentlich eine Angabe der Namen der Entdecker und Erfinder, einige chronologiſche Notizen und anektodenhaftes Beiwerk, durch das die zuſammenhangloſen Notizen nicht einmal ſchmackhaft, geſchweige denn verdaulich gemacht werden können. Ich habe mir die Aufgabe geſtellt, den erſten Verſuch zu wagen, die Geſchichte der Chemie in den Diienſt der Schule zu ſtellen. Aus der geſchichtlichen Entwicklung ſoll der Unterricht Nahrung und Förderung entnehmen.