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Elementarmethode den Schüler oder vielmehr die ganze Schülerklaſſe zum Mittelpunkt der Bewegung. Der Lehrer betrachtet ſich als Mittel, durch das die Erregung und Leitung geſchehen ſoll. Er macht ſich zum dienenden Werkzeug der Thätigkeit.— Natürlich gelangt man auf dieſem Wege höchſtens zuletzt zu allgemeinen Sätzen und Prinzipien.— Dieſer Gang iſt der naturgemäße, der bildende. Demgemäß ſollte nicht bloß in der Elementarſchule, ſondern in allen Schulen, ſelbſt auf den Hochſchulen verfahren werden. Die Einſichten, die Wiſſenſchaften ſind dem Lernenden nicht zu geben, ſondern er iſt zu veranlaſſen, daß er ſie finde, ſich ſelbſtthätig ihrer bemächtige. Dieſe Lehrmethode iſt die beſte, die ſchwierigſte, die ſeltenſte. Das Schwere erklärt das Seltene ihrer Erſcheinung. Das Vorſagen, Ableſen und Diktieren iſt dagegen Kinderſpiel; aber es taugt nirgends. Es iſt eine Schande, daß es in unſerer Zeit noch vorkommt. Auch an den Lehrer der höheren und höchſten Schule ſollte man die unbedingte Forderung ſtellen, daß er ſich der elemen⸗ tariſchen Methode bediene. Es iſt falſch zu glauben, ſie eigne ſich nur für die Elemente des Wiſſens. Sie gehört überall hin, wo ein Wiſſen erſt erzeugt werden ſoll, d. h. für jeden Lernenden. Möchte das geiſttötende, heilloſe Unweſen des Vortragens einer von den Zuhörern noch nicht ergriffenen, noch im Einzelnen nicht erkannten Wiſſenſchaft endlich aus den Hörſälen verſchwinden, wie das blindmechaniſche Lernen immer mehr aus den Schulſtuben verſchwindet. Nicht das Vollendete, Fertige gehört für den Lernenden, ſondern das Einzelne, das Werdende. Der wahre Lehrer zeigt ſeinem Schüler nicht das fertige Gebäude, an dem Jahrtauſende gearbeitet haben, ſondern er leitet ihn zur Bearbeitung der Bauſteine an, führt mit ihm das Gebäude auf, lehrt ihn das Bauen.“
Man muß lebhaft bedauern, daß dieſe entwickelnde Methode auf den Univerſitäten und in den wiſſenſchaftlichen Lehrbüchern immer noch nicht anzutreffen iſt. Die mangelhafte Vorbildung der Lehrer auf den Univerſitäten ſei hier nur geſtreift. Dagegen iſt nicht zu verkennen, daß man in der Schullitteratur die entwickelnde Methode nicht bloß faſt allgemein als die richtige Lehrmethode anerkannt hat, ſondern ihr auch in der Praxis gerecht zu werden ſucht.
Wer nun die Methodik der Naturwiſſenſchaften in den letzten Jahren verfolgt hat, dem wird nicht entgangen ſein, daß die Schulmethode ein beachtenswertes Intereſſe für die Geſchichte der Naturwiſſenſchaften zeigt.
Mach ſchreibt in ſeinem„Grundriß der Naturlehre:“„Wir benutzen nach Möglichkeit die meiſt ſehr naiven, einfachen und klaſſiſchen Beobachtungen und Gedanken, aus denen die großen Forſcher die Phyſik aufgebaut haben.“ Dieſer Sinn für das Hiſtoriſche herrſcht auch in der vor⸗ trefflichen„Zeitſchrift für phyſikaliſchen und chemiſchen Unterricht“ von Mach, Schwalbe und Poske.
Mit Nachdruck verficht dieſelbe Idee Treutlein in ſeiner Schrift:„Das geſchichtliche Element im mathematiſchen Unterricht.“ Er ſchreibt:„Sind Euklid und Archimed, ſind Galilei und Newton, Euler und Gauß u. ſ. w. nicht unſere Klaſſiker, und wir Lehrer ſollten zwar die Meiſterwerke und die Gedanken unſerer Klaſſiker vorführen und Schritt um Schritt nach⸗ und durchdenken laſſen; aber die Namen dieſer Heroen der Menſchheit und Berichte von ihrem Leben ſollten, dürften wir verſchweigen? Wir haben die Pflicht beigemiſchter geſchichtlicher Betrachtung. Niicht Autoritätsglauben wollen wir erziehen, nicht auf die Worte des Lehrers ſollen unſere Schüler ſchwören lernen. Sie ſollen Ahnung und Erkenntnis von nie raſtender Entwicklung, Einblick in den kulturellen Fortſchritt und deſſen Bedingungen bei uns gewinnen neben intellektueller und


