Aufsatz 
Französische Einflüsse auf das deutsche Realschulwesen / von A. F. Knabe
Entstehung
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in Berlin erſt in neueſter Zeit eine große Anzahl von Realſchulen entſtanden iſt) nur ebenſo viele wie dieſe drei aufweiſen, ja daß Heſſen⸗Naſſau und die Rheinprovinz allein ebenſo reich an lateinloſen höheren Schulen ſind, als alle andern Provinzen Preußens(abgeſehen von Berlin) zuſammen.(Kunze, Kalender für das höhere Schul⸗ weſen Preußens. Schuljahr 1894/95.)

Auch in der Veränderung der Organiſation der Realſchulen ſelbſt haben wir einen Grund, einen äuße⸗ ren Einfluß anzunehmen. Die realiſtiſchen Anſtalten nämlich, die wir zu Anfang unſers Jahrhunderts hier und da finden, ſind außerordentlich verſchieden von den früheren. Erinnern wir uns derjenigen, die zuerſt den Namen Realſchulen führten, nämlich der von Semler und Hecker gegründeten Schulen, ſo ſehen wir, daß ſie rein auf die praktiſche Bethätigung hinzielten. Sie faßten den Sinn des wichtigen pädagogiſchen Satzes:Nicht für die Schule, ſondern für das Leben muß man lernen! rein äußerlich auf, indem ſie faſt in allen praktiſchen d. h. meiſt Handwerks⸗Arbeiten die Zöglinge ausbilden wollten. Wie man im vorigen Jahrhundert auch außerhalb der durch die Pietiſten angeregten Kreiſe ſich das Weſen einer Realſchule dachte, lehrt höchſt anſchaulich ein Vortrag des Geheimen Juſtizrats Profeſſors Curtius in der Litteratur⸗Geſellſchaft in Marburg aus dem Jahre 1774, und ich möchte mir nicht verſagen, einen erheblichen Teil dieſer Ausführungen hier wieder zum Abdruck zu bringen, da ſie ſonſt ſchwer zu finden ſein werden.(Münſcher, Magazin für das Kirchen⸗ und Schulwefen. Marburg 1803 S. 78 bis 81)Eine Realſchule fehlt uns noch in Heſſen, und wie ehedem Philipp der Großmütige Marburg zu Heſſens Athen machte, ſo darf auch wohl das Vaterland von der landesväterlichen Fürſorge ſeiner erhabenen Nachfolger die gemeinnützige Anſtalt einer Realſchule hoffen.

Die Wiſſenſchaften, welche in dieſer Realſchule für die Profeſſioniſten gelehrt werden müßten, wären das Zeichnen überhaupt, vornehmlich aber aus freier Hand. Dieſes iſt von unendlichem Nutzen, nicht allein für Maler und Bildhauer, deren Wiſſenſchaft vornehmlich hierauf beruhet, ſondern auch für Gürtler, Borten⸗ wirker, Zeugdrucker, Weber, Tapezierer, Steinſchneider, Petſchierſtecher, Wagner, Schreiner, Schloſſer, Büchſen⸗ macher, Töpfer, Zimmerleute u. dgl. Wer eine mäßige Uebung im Zeichnen in die Lehre eines von dieſen Künſten und Handwerken bringt, wird nicht allein die zu erlernende Kunſt oder Handwerk viel eher begreifen, ſondern auch eine vorzüglichere Geſchicklichkeit erlangen und ſich Anſehen und Reichtum erwerben.

Die Kenntnis der verſchiedenen Kräfte ſowohl feſter als flüſſiger Körper und ihres Verhältniſſes ge⸗ gen die Laſten iſt für alle Handwerker, welche mit Maſchinen zu thun haben, von großer Wichtigkeit. Der Umfang dieſer Kenntniſſe wird in der Mechanik und ihren verſchiedenen Teilen, der Statik, Dynamikund Hydroſtatik vorge⸗ tragen. Das ganze Feld dieſer Wiſſenſchaften und ein geometriſcher Beweis der dahin gehörigen Wahrheiten würde für die Profeſſioniſten unabſehlich und auf gewiſſe Weiſe unbrauchbar ſein. Allein die Hauptgrundſätze dieſer Wiſſenſchaften, welche einen praktiſchen Nutzen haben, die genaue Kenntnis der vornehmſten Maſchinen, wovon Modelle vorhanden ſein müſſen, welche aus einander genommen werden können, um die Zuſammenfügung und Brauchbarkeit der einzelnen Teile einzuſehen, die davon abhangende und dadurch erlernte Beurteilung aller Maſchinen und der durch ſie zu bewerkſtelligenden Wirkungen ſind für alle Gattungen von Mühlen und Treibwerken, für Bauverſtändige, Walker, Zimmerleute, Maurer, Uhrmacher, Bergwerksarbeiter u. dgl. von ei⸗ nem höchſt fruchtbaren Einfluß in ihre Profeſſion.

Für andere Profeſſioniſten iſt eine Kenntnis der Grundſätze der Chemie von lunentbehrlicher Nutzbar⸗ keit, nicht um das ganze weitläufige Gebiete dieſer Wiſſenſchaft zu erforſchen, für welches das ganze Leben eines Margraf und Pott nicht hinreichend iſt, ſondern die Art der Scheidung und Zuſammenſetzung verſchiedener Kör⸗ per ſo weit zu lernen, als zu den nützlichen Künſten nöthig iſt, und dabei mit den allgemeinen Grundſätzen, den Handgriffen und Werkzeugen und allen Arten von Oefen und ihren Wirkungen bekannt zu werden. Hat ein Lehrling die Hauptgrundſätze der Chemie und Metallurgie begriffen, wie weit geſchickter und geſchwinder als