Aufsatz 
Französische Einflüsse auf das deutsche Realschulwesen / von A. F. Knabe
Entstehung
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eine zum Teil von Frankreich ausgegangene Verwirrung der Begriffe die nachahmungsſüchtigen Köpfe der Deut⸗ ſchen ergriffen und ſie dasjenige geringſchätzen gelehrt hat, wodurch ſie an wahrer wiſſenſchaftlicher Bildung ſelbſt die Muſter ihrer blind vergötterten Nachbarn geworden ſind.

Aber auch Befürworter der neuen Schulart geben einen gewiſſen unmittelbaren Einfluß Frankreichs zu. So ſagt Nagel(Programm Realanſtalt zu Ulm. 1845):Die erſte franzöſiſche Revolution, deren uner⸗ meßliche Wirkungen weit über die Grenzen des franzöſiſchen Reichs ſich erſtrecken,... begründet wie beinahe in allen geiſtigen Beſtrebungen der Neuzeit, ſo auch in der Entwicklung des Realſchulweſens eine Epoche; ja es kann ſogar der Begriff der Realſchule von ihr datiert werden. In Folge dieſes welthiſtoriſchen Ereigniſſes war der dritte Stand, der Bürgerſtand, nicht blos in Frankreich, ſondern auch andern Orts, zum Bewußtſein ſeiner Rechte, ſeiner Bedürfniſſe und teilweiſe auch ſeiner Macht gekommen. Auch in der Reichsſtadt Ulm regte ſich der neue Geiſt wie in andern Zweigen der Verwaltung und Regierung, ſo insbeſondere im Schulweſen. Der Bürger forderte Inſtitute zur höheren Bildung ſeiner Söhne, für die beſonderen Bedürfniſſe des Bürgerſtands, und ſelbſt das WortRealſchule wurde ſchon von ihm in ſeinen Forderungen gebraucht... Durch ſolches vielſeitiges Andringen wurde ein merkwürdiges Dekret der Religions⸗ und Pfarrkirchen⸗ Bau⸗Pflegeämter an das Scholarchat unter dem 23. Auguſt 1791 veranlaßt, welches den Plan einer Verbeſſerung des Gymnaſiums verlangte. Noch deutlicher finden wir in einem Buche aus jener Zeit eine gewiſſe Abhängigkeit von Frankreich ausgeſprochen. Nachdem C. C. Schmieder(Ueber die Einrichtung höherer Bürgerſchulen. Halle 1809 S. 22.) geſchildert hat, daß man in den Gymnaſien nur auf die ſtudierende Jugend Rückſicht nahm und den jungen Bür⸗ ger vernachläſſigte, ſo daß ihm ſchließlich nur der Elementarunterricht blieb, fährt er fort:Wenn das überall ſo geweſen wäre, ſo würde wenigſtens das Gleichgewicht im Wohlſtande der Nation erhalten worden ſein; aber zum Unglücke für unſer Vaterland bemterkten die Ausländer früher, worauf es ankomme, verbeſſerten den Unter⸗ richt des Bürgers, ehrten den Kunſtbürger bis zur Parlamentsfähigkeit und bewirkten dadurch, daß auch der Ehrgeizige ſich als Geſchäftsmann gefiel und gern ſein Talent als ſolcher übte. Bei uns hingegen hielt ſich je⸗ der gute Kopf für entehrt, wenn er nicht Gelehrter heißen konnte. Weiter leſen wir dann(S. 31.):Die Kriege ſind nicht ſo große Uebel, daß ſie nicht einiges Gute mit ſich bringen ſollten..... Jetzt iſt der Zeit⸗ punkt, wo alles ſich neu in unſerm Vaterlande bildet, und darum vieles beſſer werden kann. Wir bedürfen der Gelehrtenſchulen, ſo lange die Gelehrſamkeit nicht ausſterben ſoll..... Wir bedürfen aber einer noch grö⸗ ßeren Anzahl von Bürgerſchulen, weil mehr Bürger da ſind, als Gelehrte ſein können. Gibt es keinen neuen Fonds für ſie, ſo iſt es billig, daß ein Teil der lateiniſchen Schulen, die vermöge ihrer Lage wenig für klaſſiſche Gelehrſamkeit thun können, den Künſten(d. h. dem Erwerbsleben) gewidmet wird, wie ſchon Harles 1765 vorſchlug und Lachmann neuerlich nachdrücklicher anriet. Es iſt hinreichend, wenn jedes Dreißigtauſend Stadtbewohner eine Gelehrtenſchule hat, aber jedes Zehntauſend verlangt eine Bürgerſchule. Jede kleinere Mit⸗ telſtadt erfordert eine ſolche, nicht ein Gymnaſium.

Schon aus rein äußerlichen Gründen läßt ſich ein näherer Zuſammenhang der Realanſtalten mit Frank⸗ reich vermuten. Bisher waren die ſüddeutſchen Staaten inbezug auf die Anzahl derartiger Schulen Preußen be⸗ deutend überlegen(z. B. Zeitſchrift für lateinloſe höhere Schulen. II. Jahrgg. S. 33), und in dieſem König⸗ reiche ſelbſt überwog darin der Weſten beträchtlich. Selbſt wenn wir auch zugeben, daß in den weſtlichen Teilen Deutſchlands die größere Fülle an Realſchulen mit dem regeren Induſtrieleben dortſelbſt zuſammenhängt, ſo dürfte dies doch noch keinen hinreichenden Erklärungsgrund für den ſo erheblichen Unterſchied abgeben. Denn nicht nur die ſüddeutſchen Staaten, ſondern auch die Provinzen Rheinland, Heſſen⸗Naſſau und Hannover, alſo grade diejenigen Länder, welche ganz beſonders im Anfange dieſes Jahrhunderts dem franzöſiſchen Einfluſſe aus⸗ geſetzt waren, überwiegen an realiſtiſchen Anſtalten ſo bedeutend den übrigen Teil Deutſchlands bezw. Preußens, daß alle andern preußiſchen Provinzen zuſammengenommen(mit Ausnahme von Brandenburg, wo ja bekanntlich