Aufsatz 
Französische Einflüsse auf das deutsche Realschulwesen / von A. F. Knabe
Entstehung
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1848 in Frankreich noch zu keiner rechten Geſtaltung gelangt, und daß bis auf eine Ausnahme(die Ecole de François I. in Paris) keine ſelbſtändige Anſtalt vorhanden war, welche einer höhern Realſchule ähnlich ſah, ohne einen engern profeſſionellen Zweck zu verfolgen. Dennoch hat ſich mir die Ueberzeugung aufgedrängt, daß eine unmittelbare Beeinfluſſung durch Frankreich vorliegt, wozu mir mancherlei Material im Laufe der letzten Jahre in die Hände gekommen iſt. Allerdings ſcheinen grade viele Akten aus den Zeiten, welche hierbei in Be⸗ tracht kommen, den Stürmen derſelben zum Opfer gefallen zu ſein(S. z. B. Programm des K. Gymnaſiums zu Bonn. 1893. S. 1. Anmerk.), aber doch iſt wohl zu hoffen, daß durch Auffindung und Veröffentlichung von weiteren einſchlagenden Akten noch eine größere Klarheit geſchaffen werden wird.

Eine unmittelbare Einwirkung inbezug auf das Schulweſen iſt auch ſchon aus dem Grunde ſchwierig aufzuweiſen, weil man ja natürlich nach Abſchüttelung der Fremdherrſchaft ſich ungern dieſer Zeit erinnerte, in welcher ein ſo harter Druck auf den Ländern laſtete, und in der ſo mancher Deutſche wenig Vaterlandsliebe ge⸗ zeigt hatte. Nun ſollte durch doppelten Eifer ein etwaiger Makel aus dieſer Zeit verwiſcht werden, und ſo hat es lange gedauert, bevor das freilich im Verhältniſſe zur harten Bedrückung nur geringe Gute aus dieſen Jahren anerkannt wurde. Auch war es ja zu natürlich, daß man in der Freude über die Wiederherſtellung der alten vaterländiſchen Zuſtände nur des Böſen und Schweren gedachte, das durch die fremden Gewaltherrſcher über die deutſchen Gauen hereingebrochen war, und daß man ſich nur ſchwer dazu aufraffen konnte, brauchbare Neuerungen anzuerkennen, während man doch manche Rückkehr zu früheren veralteten Einrichtungen beklagte. Auch veränderte ſich ja vielfach in Deutſchland nach den Befreiungskriegen die politiſche Stellung des Bürgertums er⸗ heblich; an die Stelle des von freudiger Hoffnung und Zuverſicht getragenen Aufſchwungs trat in vielen Staaten eine Rückkehr in enge, bedrückende Verhältniſſe, ſo daß natürlich auch jeder Anreiz zur Verbeſſerung des bürger⸗ lichen Schulweſens fehlte und manche ſchöne Blüte verwelkte. Demnach findet man in den Befürwortungen des Realſchulweſens aus dem Beginne dieſes Jahrhunderts wenig Hinweiſe auf ein etwaiges franzöſiſches Vorbild, während in Schriften von Gegnern öfter nun allerdings wieder übertrieben franzöſiſche Anregungen be⸗ hauptet werden.

So ſagt z. B. Prof. M. Chriſtian Schwarz in dem Programm des Gymnaſiums zu Ulm vom Jahre 1830 S. 5:Es war zu dem Parteienkampfe wegen der Jugenderziehung und Jugendbildung hauptſächlich von dem ſcharfſinnigen Engländer Locke durch die Schrift:Gedanken über die Erziehung der Kinder das Signal gegeben worden. Dann in ſeine Fußtapfen trat der enthuſiaſtiſche und geniale Genfer Rouſſeau, welcher durch ſein Erziehungswerk,Emile betitelt, in Frankreich und England außerordentliches Aufſehen erregte; und bald darauf begann die Schreckensperiode der franzöſiſchen Revolution, welche mit ihrer Umwälzungswut auch über das Unterrichtsweſen herfiel und ganz dazu geeignet war, auf den Trümmern des längſt Beſtandenen das neue Gebäude(die polytechniſchen oder vielkünſtleriſchen Inſtitute) aufzuführen. Und in einer Bemerkung zu S. 7 ſchreibt er:Außer dem geprieſenen polytechniſchen Inſtitute zu Paris mochte für Deutſchland der Herderſche Plan für die Errichtung der höheren Schule zu Riga den Hauptſtoß zur Errichtung von realiſtiſchen Anſtalten gegeben haben. Ferner ſagt Günther in ſeinem Buche:Die Realſchulen und der Materialismus. Halle, 1839 auf S. 25 geradezu, daß die Realſchulen auf den Trümmern der Revolution erwachſen ſind. Komiſch wirkt die Erzählung(Nagel, Die Idee der Realſchule nach ihrer theoretiſchen Begründung und prakt. Ausführung. S. 68.) daß im Jahre 1838 ein Lehrer an einer lateiniſchen Schule ſeinen Schülern zum Ueberſetzen ins Lateiniſche wörtlich folgende Sätze diktiert hat:Man braucht eben nicht ein gründlicher Lobredner vergangener Zeiten zu ſein, um bei angeſtellter Vergleichung zwiſchen ſonſt und jetzt in manchen Stücken trotz alles gerühmten Vorſchreitens einen Rückſchritt unſerer Zeit zu bemerken und ſich gedrungen zu fühlen, ihn recht ernſtlich zu be⸗ klagen. In keinem Punkte aber dürfte eine ſolche Klage mehr gerechtfertigt erſcheinen als auf dem Gebiete der Jugendbildung. Nicht als ob unſere Zeit ärmer an Bildungsluſt und Bildungsmitteln wäre, nein, ſondern weil