Aufsatz 
Französische Einflüsse auf das deutsche Realschulwesen / von A. F. Knabe
Entstehung
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u. ſ. w., die zuerſt den Namen Realſchule führten. Das erſte und wohl auch bedeutendſte Nachbild der An⸗ ſtalt zu Berlin wurde jedoch im Jahre 1751 im großen Waiſenhauſe zu Braunſchweig von dem vormaligen In⸗ ſpektor am Halleſchen Pädagogium Johann Arnold Anton Zwicke geſchaffen, das ja freilich ſich in kaum bemerkbaren Uebergängen zu einer Bürgerſchule mittlerer Art geſtaltete.(Monumenta Germaniae Paedagogica, I. oder Friedr. Koldewey, Programm des Realgymnaſiums zu Braunſchweig 1886). Aber ſchon vor der Berliner Realſchule entſtand eine ſolche Anſtalt in der Stadt Königslutter im Jahre 1745, die allerdings nach wenigen Jahrzehnten ebenfalls in eine Bürgerſchule umgewandelt wurde.(Rektor Koldewey, Mitteilungen d. Ge⸗ ſellchaft f. d. Erz. u. Schul⸗Geſch. IV. S. 137 bis 147.)

Einen rein praktiſchen Zweck verfolgte auch die zu Ende des vorigen Jahrhunderts in Hamburg von Prof. Büſch eingerichtete Handlungs⸗Akademie, ebenſo wie die ſeit 1771 beſtehende Real⸗Handlungs⸗Akademie zu Wien und die am 1. Juni 1778 in Magdeburg von Keller eröffnete Handlungsſchule.

Aber wir finden auch damals ſchon gewichtige Stimmen für die Realſchule zur höheren Ausbildung für einen bürgerlichen Beruf; dafür ſpricht ſich aus Harles in ſeinenGedanken von den Realſchulen, Bremen 1766, ReſewitzErziehung des guten Bürgers zum Gebrauche des geſunden Verſtandes, 1765 und beſonders der Begründer der Philologie F. A. Wolf in Halle(Siehe Paulſen S. 539).

Daneben hatte ſich auch durch die Fortſchritte der Naturwiſſenſchaften und die Hebung der Gewerbe und ihre größere Bedeutung für das Volksleben auch eine mehr praktiſche Unterweiſung für Staatsmänner und dergl. unabweisbar gemacht, welcher durch die Gründung des Collegium illustre Carolinum zu Caſſel im Jahre 1709 durch den Landgrafen Karl und durch die Einrichtung einer gleichnamigen Anſtalt in Braun⸗ ſchweig durch den Herzog Karl I. 1745 entgegen gekommen werden ſollte.

Daß auch die politiſchen Ereigniſſe nicht ohne Einfluß auf die Entwicklung der realiſtiſchen Ideen waren, iſt ſchon hervorgehoben.(Rethwiſch, der Staatsminiſter Freiherr von Zedlitz u. ſ. w.) Die Thaten des gro⸗ ßen Kurfürſten von Brandenburg und Friedrich des Großen von Preußen lenkten den Blick des Volkes den Angelegen⸗ heiten des Lebens und des Vaterlandes zu und wandten ihn von den vielfach unfruchtbaren gelehrten Streitigkeiten ab. Und als im vorigen Jahrhundert der große Umſchwung in der Stellung der Staatsangehörigen zum Staate begann, da ſtand vor allem Rouſſeau an der Spitze der Bewegung, welche die geſamte ſociale Ordnung umgeſtaltete. Der Begriff des Bürgertums begann ſich zu entwickeln. Furchtbare Umwälzungen traten ein, aber ihnen folgte eine höhere Stellung des Volkes, eine größere Wertſchätzung des einzelnen, und damit war auch eine höhere Bildung des Man⸗ nes der Praxis bedingt. Erinnern wir uns noch der Baſedow'ſchen Reformideen, welche, obwohl ſie vielfach in Spiele⸗ rei ausarteten, doch für die Entwicklung des Realen ungemein wichtig waren, und dann vor allen Dingen in unſerem Jahrhundert des faſt unglaublichen Umſchwungs in allen Verkehrsverhältniſſen, ſo ergibt ſich ſchon von ſelbſt die Notwendigkeit einer Gründung von Schulen auf neuzeitlicher Grundlage. Der wichtigſte Anſtoß dazu iſt im Anfange dieſes Jahrhunderts geſchehen; hier ſehen wir ganz neue Arten von Schulen entſtehen, wie ſie früher nicht gekannt waren, und wie wenige ihnen unmittelbar darauf folgten. Erſt in den 30er und 40er Jah⸗ ren entſtanden dann wieder Schulen, wie wir ſie hier und da, beſonders in deutſchen Gegenden, die mit Frankreich in nahe Berührung gekommen ſind, ſchon in dem erſten und zweiten Jahrzehnte dieſes Jahrhunderts finden. So⸗ mit wird man auf den Gedanken geführt, daß Frankreich einen unmittelbaren Einfluß in dieſer Hinſicht auf Deutſchland ausgeübt hat, daß wir vielleicht auch eine direkte Nachahmung von franzöſiſchen Einrichtungen anzu⸗ nehmen haben..

Von allen dieſen Einflüſſen ſcheint mir bisher der letzte noch nicht genügend gewürdigt und erforſcht zu ſein, ja vielleicht auf den erſten Augenblick nicht einmal zugegeben zu werden, da ja das deutſche Realſchul⸗ weſen heute auf einer ungleich höheren Stufe als dasjenige ſeines weſtlichen Nachbarn ſteht und ſich auch früher entwickelt hat. Sagt doch Hahn(Das Unterrichts⸗Weſen in Frankreich, S. 565), daß das Realſchulweſen bis