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zu dieſem Zwecke nur auf die ungemeine Förderung hinzuſehen, welche große Gelehrte dieſer Länder den Natur⸗ wiſſenſchaften und damit bald der Entwicklung der Gewerbe zuteil werden ließen, man braucht nur an die außer⸗ ordentliche Steigerung des Verkehrs und des Handels zu denken, die von dieſen Ländern ausging, man braucht endlich nur ſich der pädagogiſchen Leiſtungen eines John Locke und eines Jean Jaques Rouſſeau zu er⸗ innern, um eine Anzahl von Beweggründen zu finden, die zur Ausbildung eines beſondern Schulweſens auch in Deutſchland mit Naturnotwendigkeit drängte.
Mit Recht iſt darauf hingewieſen worden, daß realiſtiſche Tendenzen des Unterrichts ſchon ſo alt als die Schulen ſelbſt ſind(z. B. Thomaſchky, Programm. 5. Realſchule, Berlin, 1894). Schon die Gründer des deutſchen Schulweſens, Luther und Melanchthon, hatten auf den Sachunterricht hingewieſen, und zwar auf den Unterricht in Geſchichte und denjenigen in der Mathematik und Phyſik. Ja ſogar Erasmus hatte darauf gedrungen, daß man die Klaſſiker nicht blos der Sprache wegen leſen ſolle, um ſie ſprechend und ſchreibend nachzuahmen, ſondern auch des Inhalts wegen,„um den Geiſt mit aller Art geiſtiger Speiſe zu nähren, aus der ſich die Rede von ſelbſt erzeuge.“(Heinen, Einladungsſchrift Realſchule J. O. in Düſſeldorf, 1863).
Von der Wichtigkeit der Naturwiſſenſchaften durchdrungen, hatte Baco von Verulam in ſeinen Wer⸗ ken auf ihre Bedeutung hingewieſen. Er öffnete das„Buch der Kreaturen“ und zeigte den Weg, der zur Er⸗ forſchung der Natur führte. Sein indirekter Einfluß auf die Pädagogik, welchen er als Begründer des metho⸗ diſchen, realen Realismus hatte, iſt unberechenbar, wenn auch nicht immer unmittelbar nachzuweiſen.(von Raumer, I. 4. Auflage. S. 299). Und als dann die Kenntnis der Natur, ihrer Körper und ihrer Erſcheinungen, ihren großartigen Aufſchwung nahm, da wirkten auch hervorragende Pädagogen, Ratich und ganz beſonders Amos Comenius, in realiſtiſchem Sinne. Der Jugend iſt das Verſtändnis von Dingen zu eröffnen, und alle Kinder ſind ſo zu unterrichten, daß jedes für ſeinen Beruf befähigt werde, iſt des großen Comenius Grundſatz. Tief waren dieſe Ideen damals ins Volk eingedrungen, ſo tief, daß auch ein neuer Name dafür entſtand. In einer Diſſertation Taubmanns vom Jahre 1614 heißt es S. 25:„Worüber ich mich oft gewundert habe, iſt dies, daß jemand, der ſich eines einigermaßen eleganten und treffenden Ausdrucks befleißigt, ſpottweiſe von der Jugend, ja von Lehrern der Jugend, Philologus, Criticus, Grammaticus und mit einem Worte: Verbalis genannt wird; ſich ſelbſt aber nennen ſie mit einem neuen Worte: Reales, als wenn ſie ſich einzig mit den Dingen abgäben, die andern aber, nur mit der Sprache beſchäftigt, ſich nicht gleichmäßig um Kenntnis der Sachen be⸗ kümmerten.“(v. Raumer I. S. 296).
Von philoſophiſchem Standpunkte aus legte Locke 1693 in ſeinen„Gedanken von der Erziehung der Kinder“ ſeine realiſtiſchen Anſichten dar, und von Thomaſius wird ſogar berichtet, daß er auf den Gedanken gekommen ſei eine Realſchule zu errichten.
Hiermit ſind wir jedoch ſchon auf eine andere Urſache gekommen, aus der eine Erneuerung des Schul⸗ weſens hervorging, welche ganz beſonders dem Wirken des Herzogs Ernſt des Frommen zu Gotha und ſeines großen Schülers, wie man wohl ſagen kann, Auguſt Hermann Francke zu Grunde lag. Dieſe wollten in ihren pädagogiſchen Beſtrebungen dem praktiſchen Bedürfniſſe gerecht werden, und ſo finden wir bei Herzog Ernſt die Abſicht, eine Schule für Handwerker, Künſtler und Kaufleute zu gründen und bei Francke im Entwurfe ein beſonderes Pädagogium für die jungen Kinder,„welche nur im Schreiben, Rechnen, Lateiniſchen, Franzöſiſchen und in der Oekonomie angeführt werden und die ſtudia nicht continuiren, ſondern zur Aufwartung fürnehmer Herren, zur Schreiberei, zur Kaufmannſchaft, Verwaltung der Landgüter und nützlichen Künſten gebraucht werden ſollen.“(Paulſen. S. 484 und Korpjuhn. Prog. Realſchule I. O. in Ekbing, 1877). Bald jedoch artete der Nützlichkeitsſtandpunkt in ſolcher Weiſe aus, daß in beſonderen Anſtalten auf alle möglichen praktiſchen Berufe vorbereitet wurde. Auf dieſem Boden erwuchſen die Verſuche von M. Chriſtoph Semler in Halle 1706 und 1738, von Julius Hecker in Berlin 1747 und viele andere, wie in Wittenberg, Stargard, Züllichau


