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Franzöͤſiſche Einflüſſe auf das deutſche Realſchulweſen.
Vom Oberlehrer Dr. Karl A. F. Knabe.
Das Realſchulweſen in Deutſchland iſt heute eine allgemein anerkannte Macht geworden; bei allen ein⸗ ſichtigen Beurteilern iſt darüber keine Frage mehr, daß daſſelbe eine natürliche und notwendige Stellung in dem höheren Schulweſen unſers Vaterlandes einnimmt und eine geſegnete Wirkſamkeit zum Heile deſſelben entfaltet. Dieſe Thatſache gibt im Vereine mit dem jetzt ſo geſteigerten hiſtoriſchen Sinne beſondere Veranlaſſung auf die Entwicklung derartiger Anſtalten und beſonders auf den Urſprung derſelben einen Blick zu werfen. Viele vor⸗ treffliche Schriften dazu liegen ſchon vor, viele Philoſophen und Schulmänner haben außerordentlich wertvolle Beiträge zur Schilderung der Entwicklung der realiſtiſchen Idee geliefert; aber noch geraume Zeit wird vergehen, bevor eine die weſentlichen Einflüſſe und Urſachen einigermaßen erſchöpfende Geſchichte der Entſtehung und Ent⸗ wicklung der deutſchen Realſchulen wird geliefert werden können. Dieſe Anſtalten haben jetzt die Kinderſchuhe ausgetreten, ihr Ziel, das noch vor einem halben Jahrhundert bedenklich ſchwankte, iſt feſt beſtimmt, die Mittel, welche das Ziel erreichen ſollen, ſind anerkannt und feſtgeſtellt. Aus der ungemein regen Gährung, in der ſich die Idee derartiger Schulen vor 50 Jahren befand, iſt ein klarer, guter Moſt hervorgegangen. Die realiſtiſchen Inſtitute aller Art haben ſich von den techniſchen Anſtalten völlig geſchieden und mit den uralten Bildungsſtätten, die bei allen nötigen Zugeſtändniſſen an eine neuere Kultur doch mit Recht ihre wichtigſten, altbewährten Lehr⸗ gegenſtände ſich bewahrt haben, mit den Gymnaſien, dazu vereint, auf verſchiedenen Wegen daſſelbe hohe Ziel zu erreichen, nämlich eine höhere allgemeine Bildung. Während dieſe zugleich darauf hinarbeiten, die Grundlage zu einer gelehrten Bildung zu geben, geht jene Richtung mehr auf die praktiſche Bethätigung aus. Vorüber iſt der Kampf, deſſen Wogen zeitweiſe ungemein hoch gingen, und beide Parteien erkennen neidlos das Gute auch an den anders gearteten Einrichtungen an.
Bei einer Darſtellung der geſchichtlichen Entwicklung des Realſchulweſens in Deutſchland hat man be⸗ ſonders— und zwar vielleicht noch etwas eingehender als bisher— auf die Urſachen der Entſtehung deſſelben zu achten, denn die Einflüſſe, welchen daſſelbe ſeine Bildung verdankt, und die Beweggründe, die zu ihrer Ein⸗ richtung und ihrem weiteren Ausbau führten, ſcheinen noch nicht hinreichend klar gelegt zu ſein. Naturge⸗ mäß wird es keinem Menſchen einfallen, das deutſche Realſchulweſen als aus dem deutſchen Weſen allein her⸗ vorgegangen anſehen zu wollen. Denn dazu ſind die Wiſſenſchaften und die geiſtigen Strömungen überhaupt viel zu international; ſie werden bald Gemeingut aller höher gebildeten Völker, wenn ſich ihre Wirkungen auch dem Charakter der einzelnen Nationen entſprechend in den verſchiedenen Staaten auf mehr oder weniger ver⸗ ſchiedene Arten äußern.
So iſt es ja natürlich unbeſtritten, daß auf das Realſchulweſen deutſcher Zunge diejenigen Völker von gewichtigem Einfluſſe waren, die an Kultur und Wiſſenſchaft ſowohl wie in Handel und Gewerbe Deutſchland gleich ſtanden oder es zu Zeiten auch übertrafen. Daß ſonach England und Frankreich von weſentlicher Bedeu⸗ tung für die Gründung von Realanſtalten auf deutſchem Boden waren, iſt ſelbſtverſtändlich. Man braucht ja


