Aufsatz 
Über den direkten Beweis / von Karl A. F. Knabe
Entstehung
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Beobachtung, dass nur einzelne das Richtige getroffen haben, während alle andern irrten. Wenn also die allgemeine Zustimmung uns keine objektive Gewissheit gewährleisten kann, wie finden wir da einen Prüfstein der Wahrheit unserer Erkenntnis?

Haben wir irgend einen Begriff, so bilden wir uns über denselben eine Meinung, indem wir zunächst rein psychologisch zu einem Urteile bestinmt werden. Diese erste Stufe des Fürwahrhaltens ist jedoch durchaus unsicher; sie kann bis zur liberzeugung gesteigert werden, wenn noch die Iibereinstimmung des Urteils mit unserm Pflichtbewusstsein und Glauben an Autoritäten dazu kommt. Aber auch hier können wir noch beobachten, dass unsere für unerschütterlich wahr gehaltene Uiberzeugung falsch ist. Leute mit andern Interessen, mit anderer Erzichung gelangen zu einer andern Gewissheit. Welches ist nun die objektive Gewissheit?

Hier kann nur die Logik weiter helfen. Weder die psychologische noch die ethische Notwendigkeit kann uns zur objektiven Gewissheit führen, wohl aber die logische, denn was nach logischen Gesetzten gedacht wird, das ist wahr. Die logischen Gesetze sind Normen,

ihnen kommt eine unmittelbare Evidenz eine nicht mehr ableitbare Gewissheit zu. Was auf ihnen beruht, ist also ebenfalls Gewissheit freilich eine abgeleitete, mittelbare, aber

doch eine objektive. Alles ist unbedingt gewiss, was sich auf die logischen Gesetze zurück- bezieht. Die hierdurch erhaltene Gewissheit ist diejenige des Beweises. Der Beweis eines Urteils besteht in der Aufzeigung der logischen Form, vermittelst deren es aus andern Urteilen hervorgegangen ist. Somit stützt sich ein Urteil äm ch den Beweis nur auf andere Urteile, das zu beweisende Urteil ist daher nur gewiss, wenn jene wahr sind. Damit aber dies Be- gründen möglich werden kann, müssen allgemeingiltige Sätze, Axiome, vorhanden sein, auf welche schliesslich alle Beweise zurückgehen. Die Beweise sind daher ihrer Natur nach etwas Sekundäres, und es kann daher nicht im Wesen der absolut vollkommenen Wissenschaft liegen wie Pascal und Jacobi wollten dass Alles definiert und Alles bewiesen werde, da ja die ersten zu beweisenden Sätze frühere nicht bewiesene voraussetzen müssen, durch die sie bewiesen werden können.Denn jeder Beweis ist die Zurückführung auf ein Anerkanntes, und wenn wir von diesem, was es auch sei, immer wieder einen Beweis fordern, so werden wir zuletzt auf gewisse Sätze geraten, welche die Formen und Gesetze und daher die Be- dingungen alles Denkens und Erkennens ausdrücken, aus deren Anwendung mithin alles Denken und Erkennen besteht; sodass Gewissheit nichts weiter ist, als Ubereinstimmung mit ihnen, folglich ihre eigene Gewissheit nicht wieder aus andern Sätzen erhellen kann.˙¹) Aus der Ansicht, dass das Wissen mit der Beweisbarkeit zu identifizieren sei ²), stammen die Versuche, aus den Denkgesetzen eine Ontologie und Metaphysik zu schaffen, die ihren Höhepunkt in der Ethik Spinozas gefunden hat, und hieraus entsteht dann die Gegen- strömung in dem englischen Empirismus, der die Ertahrung für die objektive Inhaltsquelle des Denkens erklärte.

Wir sind somit auf objektiv gewisse Urteile zweierlei Art gestossen, nämlich auf

unmittelbar und mittelbar gewisse. Sind unmittelbar gewisse Urteile vorhanden, dann und auch nur dann können wir aus ilmen durch logische Beweise andere gewisse Urteile

ableiten. Aus ihnen setzt sich dann eine Wissenschaft zusammen, denn mit dem Namen Wissenschaft bezeichnen wirdas vom menschlichen Verstande selbständig concipierte und

¹) Schopenhauer, iber die vierfache Wurzel u. s. w. 3. Aufl.§. 23. ²) Hiergegen kümpft schon Aristoteles, zweite Analytiken, übersetzt v. Kirehmann 8. 6.