Aufsatz 
Ueber den deutschen Unterricht an Realanstalten / von Karl Knabe
Entstehung
Einzelbild herunterladen

20

Zeit gegangen werden muß). Zu fordern ist, daß der Schüler das deutsche Lesebuch aus allen Klassen in seiner Bücherei behält, damit man jederzeit auch einmal auf Früheres zurückzugreifen in der Lage ist. Besondere Aus- gaben der Lektürestoffe sind nicht vorzuschreiben, nur bei den Übersetzungen aus Homer, Sophokles usw. ist an der in der Schule benutzten Ausgabe festzuhalten, bis die Fachkonferenz eine Anderung beschließt. Eine gute Schiller- ausgabe und Auswahl aus Goethes Werken mutßz natürlich jeder Primaner besitzen. Selbstverständlich sind auch die Grundlehren der deutschen Poetik und Metrik zu erörtern.

Endlich mõchte ich am liebsten dem deutschen Unter- richt noch eine weitere durchaus berechtigte Forderung der Neuzeit zuweisen. Vielfach wird mit Recht die Ein- führung der Primaner in die Vorhöfe der Philosophie ver- langt. Die jetzt geltenden Lehrpläne in Preußen sagen nur:Wünschenswert erscheint eine in engen Grenzen zu haltende Behandlung der Logik und der empirischen Psy- chologie, während in anderen deutschen Staaten besondere Unterrichtsstunden für philosophische Propädeutik bestehen. Es würde zu weit führen, hier auf die Geschichte dieses Unterrichts in Preußen einzugehen; es sei nur an die ein- schlägigen Arbeiten von Jonas, Leuchtenberger und R. Leh- mann, sowie an die Behandlung dieser Frage auf der Posener Philologen-Versammlung im Jahre 1911 erinnert. Erwünscht ist es in hohem Grade, daß der Deutschlehrer sich dieser Aufgabe zu unterziehen vermag, da er ja bei der Lektüre und in der Aufsatzlehre sich vielfach mit logischen und psychologischen Fragen zu beschäftigen hat. Er wird daher elementare Anfänge dieser Gebiete schon in den mittleren Klassen lehren müssen. Aber man kann selbstverständlich von ihm keine besondere philosophische Propädeutik verlangen, wenn er nicht philosophisch durch-

1) Eine vortreffliche Auswahl bietet Sprengel, Die neuere deutsche Dichtung in der Schule, Frankfurt a. M. 1911.