Aufsatz 
Ueber den deutschen Unterricht an Realanstalten / von Karl Knabe
Entstehung
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Benutzt man dazu noch das dargebotene Anschauungs- material¹), Sso bekommt der Schüler doch einen bleibenden Eindruck der Hauptlehren und lernt die wichtigsten Unter- scheidungsmerkmale. Daß die redende Kunst jede Schil derung in Handlung umsetzen muß, lehrt Lessing unzweifel- haft, und ein Vergleich zwischen Proben aus Hallers Alpen und Goethes Hermann und Dorothea bringt dies jedem Primaner zur Klarheit.Gegenüber einer Richtung, die in der Poesie eine redende Malerei sah und von dem Dichter Bilder verlangte, hob er so scharf wie zutreffend hervor, daß malerische und dichterische Anschaulichkeit durchaus verschiedene Begriffe sind. Daß der Dichter das Neben- einander in ein Nacheinander verwandeln muß, wenn er anschaulich wirken will, lehrt niemand besser als Lessing in seinem Laokoon?²). Und so vermag der Schüler über Bodmer und Breitinger hinweg zu unseren großen Klassikern bequem geführt zu werden. Damit ist aber für uns auch der zweite Einwurf erledigt. Gerade die Tatsache, daß die neuere Asthetik nicht in allen Punkten mehr mit einem so scharfen Denker wie Lessing übereinstimmt, lehrt die jungen Leute Achtung vor der Wissenschaft, die wie auch Lessing sagt nur auf Erforschung der Wahrheit hinausgeht. So ist mir dies Werk auch wertvoll zur Ver- tiefung des geschichtlichen Sinnes. Und schließlich sind die Darlegungen auch ein ausgezeichnetes Mittel zur philo- sophischen Belehrung. Um nur eins zu nennen, kann man kaum ein besseres Beispiel der induktiven und deduktiveu Schlußfolgerung zur Erhärtung desselben Satzes finden.

Ebenso wie der Deutschunterricht mit vielen anderen Fächern innige Fühlung nimmt, so hat auch jeder andere

1) Ziehen, Bielefeld 1905.

2) R. Lehmann, Deutsche Poetik, München 1908, S. 5, 75, 151. Vgl. auch Dörwald, Aus der Praxis des deutschen Unterrichts in Prima. Berlin 1908, S. 50 ff. und Rethwisch, Der bleibende Wert, des Laokoon. Berlin 1907.