Aufsatz 
Ueber den deutschen Unterricht an Realanstalten / von Karl Knabe
Entstehung
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träge, sowie durch besondere Stilübungen von Sexta an entgegen gearbeitet werden. Nur dann wird dem viel- beklagten Mangel in der déutschen Ausdrucksfähigkeit be- gegnet werden können. Eingehende Sorgfalt ist zu diesem Zwecke der Auswahl der deutschen Aufsatzthemen zu widmen. Es ist nicht möglich, daß jeder Schüler über jeden Stoff gleich gut sich auszudrücken vermag. Darum scheue man sich nicht, auf der Oberstufe ein Thema von den Schülern wählen zu lassen und auch manchmal mehrere zur freien Auswahl zu geben. Eine besondere Schwierig- keit bietet dann freilich der deutsche Aufsatz in der Reife- prüfung. Vielleicht wäre es gut, wenn hier auch der Königliche Kommissar eine Wahl zuließe, ebenso auch bei den schriftlichen Arbeiten in Physik und Chemie wie im franzôsischen Aufsatze. Auch die kleinen deutschen Klassen- arbeiten in verschiedenen Fächern seien für die Mittel- und Oberstufe zur Bildung des Stils warm empfohlen, wie die freien Vorträge in den obersten Klassen, die natürlich nicht auswendig gelernt sein dürfen.

Aber die Erziehung zum Kunstgenuß muß auch auf die bildende Kunst ausgedehnt werden. Schon von den untersten Klassen an müssen die Kinder zum richtigen Sehen erzogen werden, wozu Spaziergänge äußerst frucht- bar gemacht werden können. Ferner sind die reichen Schäâtze wertvoller Anschauungsbilder gut auszunutzen, sowie Lichtbilder zu betrachten. Somit geht hier der deutsche Unterricht mit dem Zeichnen Hand in Hand. Auf der Oberstufe behalt hier Lessings Laokoon einen bleibenden Wert. Von vielen Seiten wird seine Durch- nahme in den Schulen verworfen, einesteils weil er zu schwer, andernteils weil er von der neuen Asthetik über- holt sei. Dem möchte ich entgegen halten, daß es sich auf der Schule natürlich nur um einen ganz kurzen Auszug ¹) handeln kann, der die wichtigsten Punkte berücksichtigt.

1) z. B. von Schmarsow, Leipzig 1907.