— 16—
der Oberrealschule diese Lektüre in mittelhochdeutschem Texte behandelt wird, damit hier doch auch eine alte Sprache kennen gelernt wird. Auf dem Realgymnasium müssen Proben in mhd. Sprache genügen, da weniger Zeit zur Verfügung steht; es ist dies aber auch statthaft, da ja der Lateinunterricht die historische Bildung vermittelt. Um aber die Schätze unserer neueren Dichtung, be-— sonders der zweiten Blüteperiode, nicht zu kurz kommen zu lassen, muß man mit der Zeit gut haushalten, damit, vielfach als Privatlektüre, auch hierfür noch Raum ver- bleibt. Hier muß auch gelegentlich auf die neueste Literatur hingewiesen werden, als Beispiele seien nur er— wähnt„Tantris der Narr“, G. Hauptmanns Dramatisierung des armen Heinrich und sein Florian Geyer, der Goethes Gôtz von Berlichingen gegenüber gestellt werden kann. So wird der Schüler der Realanstalten in die litera- rischen Geistesschätze aller Zeiten eingeführt. Natürlich darf der deutsche Unterricht dadurch nicht zu einem Hilfs- mittel des Geschichtsunterrichts erniedrigt werden. Viel- mehr muß versucht werden, bei den Schülern Freude und ästhetisches Verständnis an poetischen Stoffen zu erwecken. Jedes Gedicht, jedes Drama muß er als ein geschlossenes Kunstwerk empfinden lernen und somit zum Kunstgenuß erzogen werden. Auch bei jedem Prosastück ist der Schüler nicht nur zum Verständnis des Gedankeninhalts, sondern auch zum Empfinden des Gefühlsinhalts anzuleiten. Der Besuch von geeigneten Theatervorstellungen und ihre Besprechung ist deshalb dringend zu empfehlen. Dazu gehört auch die Erziehung zu einem gewissen Stilgefühl. Natürlich ist es unmõglich und wäre deshalb töricht, den Versuch zu wagen, alle Zöglinge einen glänzenden Stil lehren zu wollen. Aber man mußz ihnen reichliche Gelegen- heit geben, ihre eigene Ausdrucksart auszubauen und zu fördern. Vielfach herrscht unter den Schülern eine gewisse Scheu und Angst, sich mündlich und schriftlich auszu— drücken. Ihr kann nur durch reichliche mündliche Vor-—


