Aufsatz 
Ueber den deutschen Unterricht an Realanstalten / von Karl Knabe
Entstehung
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Luft, da er an keinen Lehrstoff sich anlehnen kann. Hier muß und kann der Unterricht im Deutschen in vortrefflicher Weise Nutzen bringen, wenn man ihn mit der alten Ge schichte in Verbindung bringt. Seit länger als 10 Jahren ist deshalb an der Marburger Realanstalt mit besonderer Genehmigung die Einrichtung getroffen, daß die Ober- sekunda der antiken Literatur und solchen Dichtungen ge- widmet ist, die in Form oder Inhalt der Antike nahe stehen. Es wird hier Sophokles' Antigone und König Odipus, im Anschluß daran Schillers Braut von Messina, Teile aus der llias, Goethes Hermann und Dorothea, Grillparzers Sappho oder Medea u. dergl. gelesen. Dazu werden noch aus einer kleinen Sammlung¹) manche Darstellungen aus griechischen und rõmischen Schriftstellern herangezogen, damit die Namen großer Männer des Altertums, die in der Geschichte vorgekommen sind, den Schülern nicht bloße Namen bleiben. Ahnlich wird an einer ganzen Reihe anderer Realanstalten, teils selbständig, teils auf unsere Anregung verfahren ²).

Dann aber mutz der deutsche Unterricht ganz besonders die deutsche Vergangenheit in den Herzen der Schüler auf- leben lassen. Das Nibelungenlied ist hervorragend dazu geeignet, in das Wesen der deutschen Vorzeit und den Charakter der alten Deutschen einzudringen, namentlich wenn es in der Zeit behandelt wird, in der auch der ent- sprechende geschichtliche Stoff durchgenommen wird, also im ersten Halbjahre der Unterprima. Ferner wird in dieser Klasse die Zeit der Hohenstaufen durch die gleichzeitige Behandlung von Gedichten Walthers von der Vogelweide fruchtbringend belebt. Somit wird eine außerordentlich günstig wirkende Konzentration von Deutsch und Geschichte in der Oberstufe geschaffen, die sonst völlig getrennte Wege einschlagen. Erforderlich ist dann auch, daß auf

1) Knabe, Aus der antiken Geisteswelt. Leipzig 1906. 2) Auch neue deutsche Lehrbücher tragen diesem Plane Rech- nung, vor allem das von Schönfelder in Frankfurt a. M.