Aufsatz 
Ueber den deutschen Unterricht an Realanstalten / von Karl Knabe
Entstehung
Einzelbild herunterladen

13

Kräfte des Herzens und auf die Phantasie dadurch bildend einzuwirken, daß in den Schülern Freude und ästhetisches Verständnis an poetischen Kunstwerken gefördert wird. Zu diesem Zwecke muß auch gutes Vorlesen in allen Klassen geübt werden.

Es mõge die Frage aufgeworfen werden, ob es nicht zweckmäßig ist, aus der untersten Klasse den fremd- sprachlichen Unterricht ganz zu entfernen, wie es z. B. schon Frick verlangt hat, und wie es in einzelnen Bundesstaaten der Fall ist, oder doch nur eine ganz kurze Einführung anzu setzen. Alle höheren Lehranstalten in mittleren und kleinen Ortschaften vereinigen in der Sexta außerordentlich ver- schiedenartig vorbereitete Zöglinge. Es ist deshalb der Beginn einer fremden Sprache recht schwierig, da in der deutschen Sprache die Kenntnisse nicht gleichartig sind. Alle Schüler aber auf eine gleiche Hõhe im Deutschen in kurzer Zeit zu bringen, bietet bei der geringen Stunden- zahl des Faches recht große Schwierigkeiten. Vielleicht ließe sich bei besonders günstigen Verhältnissen in der Weise Abhilfe schaffen, daß dem fremdsprachlichen Lehrer in VI gestattet ist, in den ersten Wochen nur Deutsch zu treiben.

In den unteren Klassen hat der deutsche Unterricht auch be- sonders der grammatischen Schulung zu dienen. Das Franzö- sische kann diese Aufgabe durchaus nicht in derselben Weise wie das Lateinische übernehmen, weil es als eine lebende Sprache durch Sprechen gelehrt werden muß. Deshalb hat hier das Deutsche einzuspringen, aber natürlich nicht so, daß seine Grammatik wie die einer fremden Sprache gelehrt wird. Sie muß noch mehr wie in dieser induktiv gewonnen werden: aus dem Satze heraus sind ihre Erscheinungen zu gewinnen, zu entwickeln und einzuprägen. Nun hat zwar Jakob Grimm mit eindringlichen Worten die gramma- tische Behandlung der Muttersprache aus den Schulen hinausgewiesen. Aber er hat damit nur die damals übliche deutsche Sprachlehre gemeint. Heute ist es doch woh