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muß von dem Grundsatze ausgehen, daß die vollständige und gewandte Beherrschung der deutschen Sprache in Wort und Schrift der Anfang und das Ende alles Unterrichts ist“.
Auch Gerhard Budde¹) verlangt eine wesentliche Ver- mehrung des deutschen Unterrichts. Er behauptet, daß nach der ganzen Entwicklung der Dinge für unsere Zeit als allgemeine deutsche höhere Schule eine Schule zu fordern sei, in welcher der deutsche Unterricht mit acht Stunden wöchentlich auf der Unter- und Mittelstufe und sechs oder sieben Wochenstunden auf der Oberstufe den Hauptpfeiler bildet. Die letzte einschneidende Schulreform hat das Schulproblem noch nicht gelõst, da sie noch den allgemein menschlichen Bildungswert unserer nationalen Kultur für die Zwecke der Jugendbildung zu gering bewertet hat. Budde zeigt, daß wir heute eine ganz andere Auffassung vom Altertum und namentlich vom Griechentum gewonnen haben, als sie der Humanismus und der Neuhumanismus hatte und haben konnte. Wir haben, so sagt Spranger?), „in der neuhumanistischen Griechenauffassung eine philo- sophische Intuition vor uns, die der streng historischen Auffassung widerspricht“. Ob es möglich ist, die Einfüh-— rung in die alte Welt im Sinne moderner Forschung in eine Schule zu leiten, die mit Kindern und Jünglingen rechnet, wird jetzt vielfach bezweifelt. Als erste Quelle unserer Bildung fordert Budde die deutsche klassische Literatur und den deutschen Idealismus. Hier liegt die Form, die der deutsche Geist annehmen kann, vorgebildet. Hier liegt die Wurzel unserer Humanität. In der Tat ist es bedauerlich, daß so wenig von unserer deutschen Kultur in unseren höheren Lehranstalten getrieben wird und ge- trieben werden kann.
Ja, eine besondere deutsche Kultur wird vielfach ganz geleugnet. Sehr interessant war hierzu die Zeitungsfehde zwischen Adolf Collischonn und Johann Georg Sprengel.
1) Das deutsche Gymnasium. Leipzig 13. 2) Wilhelm von Humboldt und die Humanitätsidee.


