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die Geschichte des deutschen Unterrichts hier genauer ein-— zugehen, da jetzt die gründlichen Untersuchungen von Adolf Matthias vorliegen. Hier sollte nur die eigenartige Tat- sache in einigen historischen Zügen klargelegt werden, daß der muttersprachliche Unterricht in den deutschen höheren Lehranstalten zu dem jüngsten Lehrstoff gehört.
2. Blick auf die Gegenwart.
Vielfach hört man jetzt Klagen darüber, daß die Leistungen auf den höheren Lehranstalten zurückgegangen wären. Man versucht diese Behauptung auch mit der Statistik zu erweisen, indem man die Zahlen nur annimmt, ohne sie mit der richtigen Schärfe zu betrachten, oder in- dem man in die statistischen Tatsachen Schlüsse hineinlegt, die nicht notwendig darin enthalten sind. Wenn aber wirklich trotz aller Fortschritte der Pädagogik in einzelnen Fächern früher mehr geleistet sein sollte als heute, so findet dies seine Erklärung in der Erscheinung, daß wir immer mehr von der alten Mahnung:„Multum, non multa!“ ab— gewichen sind, ja vielleicht abweichen mußten. Immer neue Forderungen sind an die höheren Schulen heran- getreten, die sich nicht abweisen ließen. Bei den außer- ordentlich großen Fortschritten, welche die deutsche Bildung auf allen Gebieten in dem letzten Jahrhundert gemacht hat, konnte es nicht ausbleiben, daß auch der Jugenderziehung vielseitigere Forderungen gestellt werden. Und immer weitere Ansprüche werden erhoben, gegen die, weil sie oft genug unerfüllbar sind, man sich energisch wehren muß. So ist von der Einfachheit und Geschlossenheit der alten Lateinschule, des Vorläufers unsers Gymnasiums, nichts mehr zu spüren. 3
Nach der Kabinettsordre vom 26. November 1900 soll jede der drei höheren Schulen ihre Eigenart besonders aus- bilden. Wenn es nun auch, wie schon Herbart gelehrt hat, namentlich für unsere viel verzweigte Kultur notwendig ist, daß verschiedene Wege zu einer höheren Bildung er-—


