suchten deutsche Volksstämme die leeren Gegenden, welche am rechten Rheinufer und weiterhin die Römer gern unbewohnt liessen, zu besetzen, so die Frisen, welche aber zurückgejagt wurden. Als nun die Ampsivarier(Bewohner der obern Ems), ein stärkeres Volk, unterstützt von ihren Nachbarn, den Bructeri und Tenchteri, die nämlichen Plätze besetzten(58), da schrieb der Legat des Unterrheins, Dubius Avitus, an den Legaten des Oberrheins, damit dieser über den Rhein gehe und in's Land der Tenchteri einfalle, wenn sie sich nicht von den Ampsivariern trennten; auch die Bructerer und andere zogen sich zurück, und so erlagen leicht die Ampsivarier 11s).
Im folgenden Jahre wurden zwei Brüder den beiden Germanien vorgesetzt, Scribonius Rufus und Scribonius Proculus(59). Lange Zeit, sagt Cassius, das ist acht Jahre, hatten sie hier geweilt; als sie von Kaiser Nero nach Griechenland gerufen(67) und hier in Anklagestand versetzt wurden, ohne gehört zu werden, tödteten beide sich.
Um diese Zeit scheint die legio XVI nach Untergermanien geschickt worden zu sein; nach Mainz kam die XIII. und nach Obergermanien die XXII. primigenia pia fidelis, die, noch ehe 10 Jahre verflossen, in Mainz einrückte und dreihundert Jahre hier blieb.
Als Legat folgte Verginius Rufus, ein eifriger und schlagfertiger Mann. Bereits hatte Kaiser Nero dreizehn Jahre das Reich grausam und schändlich misshandelt. Da erhob sich zuerst gegen ihn der gallische Statthalter Gaius Julius Vindex, ein edler Mann und von edlem Geschlechte; er rief die Gallier zur Empörung gegen den Kaiser auf und schlug den spanischen Statthalter Galba zum Kaiser vor. Als Nero das hörte, bot er auf Vindex' Kopf 2 ½ Million Denare(zu 24 kr. etwa); da sagte Vindex:„Wer mir Nero's Kopf bringt, dem gebe ich den meinigen.“ Der Statthalter dahier, Rufus, musste gegen die Empörer ausrücken und belagerte bereits Vesontio (Besançon), als Vindex herankam und in der Nähe ein Lager bezog. Beide verhandelten erst brieflich, kamen dann zusammen und schienen gemeinsam gegen Nero handeln zu wollen. Als nun Vindex sich nüherte, um die Stadt zu besetzen, meinten die Soldaten des Rufus, er rücke gegen sie, und ohne höheren Befehl abzuwarten, fielen sie über ihn her und richteten ein grosses Blutbad an; über diesen Anblick tief erschüttert stürzte sich Vindex in sein Schwert. Seine Leiche wurde noch verstümmelt, damit man meine, er sei von den Soldaten im Kampfe getödtet worden. Rufus betrauerte den Vindex aufrichtig, konnte aber nicht bewogen werden, die Kaiserwürde selbst anzunehmen, welche ihm die Soldaten wiederholt antrugen. Sie rissen Nero's Bildniss(im Lager zu Mainz) herab, nannten ihren Legaten Cæsar und Augustus und schrieben seinen Namen auf eines der Feldzeichen; allein er liess ihn auslöschen und bestimmte nur mit Mühe die Soldaten, die Entscheidung über einen Nachfolger dem römischen Senat und Volk zu überlassen. Inzwischen verbreitete sich der Aufstand auch nach Spanien, wo Galba als Kaiser ausgerufen wurde. Der Senat in Rom entsetzte nun deu Kaiser Nero, der kurz nachher, um nicht ergriffen zu werden, sich tödtete. Galba begab sich nun nach Rom. Er beschenkte die gallischen Städte, die sich für ihn erklärt hatten, mit dem römischen Bürgerrecht; die Soldaten am Rhein waren aber nicht zufrieden, da er aus Geiz ihnen das gewöhnliche Geschenk beim Thronwechsel nicht verabreichte. Auch rief er den Rufus(68) nach Rom und hielt ihn unter dem Scheine der Freundschaft zurück 11⁹).
Statthalter in Mainz wurde Hordeonius Flaccus, ein alter, schwacher Mann, der nicht ein- mal im Frieden das Regiment über die Soldaten führen konnte. Er musste zusehen, wie sie öffent- lich einen andern Kaiser verlangten; doch kam es noch nicht zum Ausbruch. Am 1. Decem- ber kam Aulus Vitellius als Statthalter nach Untergermanien(Köln), früher ein Diener der Lüste
118) Näheres Tacit. annal. XIII. 55.
119) Er starb erst unter Traian und setzte sich die Grabschrift: Das ist des Rufus Grab, der, als er den Vindex bezwungen, Nicht sich, sondern dem Volk setzte den Thron zu Gebot.


