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Kompositions- und Tonsystem zu zerrütten, in bisher unerhörter Weise geltend. Um die einförmige Ode weniger fühlbar zu machen, die dennoch in der ununterbrochenen Monodie lag— erst später kam man auf den Gedanken, zwei, drei und mehr Personen ihre verschiedenen Empfindungen gleichzeitig zum Ausdruck bringen zu lassen—, liess man den Chor, den man aus dem zum Vorbild dienenden antiken Drama übernommen hatte, mehrstimmig in geschlosseneren und reicheren Formen, wenn auch mit prinzipieller Vermeidung der strengen Polyphonie singen und gab den Instrumenten in der Einleitung der Oper(Sinfonie, Ouverture) und der einzelnen ariosen Partien (Ritornelle), sowie vor allem in den Balleten, mit denen der Tanz erst eigentlich in die Kunst- musik eingeführt wurde, Gelegenheit zur reicheren Entfaltung der technisch-musikalischen Formen. Aber trotzdem begann man sehr bald auch die endlose, recitativische, Silbe für Silbe sklavisch an den Wortaccent gebundene Deklamation der Gesangspartien als einen Mangel zu empfinden und half sich einerseits durch eingestreute Verzierungen ¹) und Rouladen, die angenehme Abwechselung und Ohrenkitzel boten, andererseits durch eine reichere, musikalisch interessantere Ausführung einzelner lyrischer Stellen, indem man durch Wiederholung der melodischen oder rhythmischen Satzteile, durch logische Folge der Harmonien, durch richtig verteilte und ausgeführte Schluss- formeln einen einheitlich geordneten Aufbau und symmetrische Gliederung herbeiführte in der Form der Arie.
Aus all den angeführten Elementen ist die Oper erwachsen, und sie hat all diese Keime fortgebildet und entwickelt, nicht etwa stetig und alle zugleich, sondern in der Regel einseitig in einer der verschiedenen Geschmacksepochen, die von nun an in raschem, oft gewaltsamem Wechsel aufeinander folgen und die Musikgeschichte der Neuzeit charakterisieren.
Die Oper hat vor allem in dem Streben nach leidenschaftlichem Ausdruck die elementare, pathologische Seite der Musik bis zu einer Wirksamkeit ausgebildet, die nach dem Urteil zahl- reicher und gewichtiger Stimmen für die Nerven der modernen Gesellschaft geradezu verhängnis- voll zu werden droht. Verschiedenes hat dazu beigetragen, die Aus- und Eindrucksfähigkeit der Musik soweit zu erhöhen, dass eine Steigerung der Nervenreize kaum mehr möglich ist. Nicht ohne Einfluss auf die hauptsächlich in Deutschland erfolgte Ausbildung der modernen Musik und die darin allmählich sich vollziehende Verschiebung des harmonischen Verhältnisses von Charakteristik und Form zu gunsten der ersteren ist gewiss die allgemeine dem germanischen Stamme inne- wohnende Geschmacksrichtung gewesen, die Wilhelm Scherer ²) zur Erklärung der Allitteration herbeizieht:„sie entspricht einem frühzeitigen Drange germanischer Art, der uns alle Kunst erschwert; wir schätzen Charakteristik mehr als Schönheit, Gehalt mehr als Form.“
Die Dissonanz in ihren verschiedenen Abstufungen von interessant prickelndem Reiz bis zur grellsten Ohrenmarter, mit ihrem oft nicht erfüllten Streben nach Auflösung, ist in früher nicht geahntem Umfang das Ausdrucksmittel der Empfindungen und Leidenschaften, von leiser Sehnsucht bis zum wütendsten Schmerz, geworden. Die Chromatik hat ihre Wirksamkeit in der Einführung der Dissonanz und ihrer packenden Reize in die Melodie und durch Verwischung der reinen, bestimmten diatonischen Intervalle entfaltet, wodurch der musikalische Ausdruck mehr den Natur- lauten der Empfindung genähert wurde. Endlich haben sich die Musikinstrumente im Laufe der letzten Jahrhunderte ausserordentlich vermehrt und vervollkommnet, so dass sie sowohl an Ton-
1) Sie waren schon im polyphonen Gesang vielfach üblich geworden, oft genug zur Unzufriedenheit der Komponisten und der kirchlichen Behörden.
2) Geschichte der deutschen Litteratur ³, 1885 S. 12.


