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so oft Gefahr läuft, in Dunst und Nebel sich zu verlieren, das macht den von der Instrumental- musik hergeleiteten Massstab so unsicher und schwankend, das macht ihre ausschliessliche Pflege so gefährlich“. In der That macht gerade die Freiheit und Leichtigkeit, mit der sich die Instrumentalmusik in die rein idealen Regionen der abstrakten Schönheit, in das anmutige und reizende Spiel mit Formen zu versenken vermag, ihre Freunde und Jünger leicht unempfänglich gegen die rauhen, scharf gezeichneten Verhältnisse des praktischen Lebens, das doch einmal das Hauptfeld menschlichen Handelns sein soll. Und diese Gefahr ist bei der Musik unserer Zeit noch unendlich gesteigert dadurch, dass sie den festen Halt, den die strenge Form für die Phantasie, und die beständige Beschäftigung, die sie dem Verstand des Hörers bot, aufgegeben hat, dass an Stelle der allmählich verschwommenen und aufgelösten Formen vielfach eine Häufung sinnlich reizender Effekte getreten ist, die die Nerven des Zuhörers in ununterbrochener Spannung und Aufregung zu erhalten sucht. Und wenn sich der Zuhörer endlich daran gewöhnt, den instrumentalen musikalischen Gedanken des Tondichters bestimmte Gefühle oder Vorgänge unterzulegen, wozu er durch die ausgebildete musikalische Symbolik des„Kunstwerkes der Zukunft“, sowie durch die phantastischen Uberschriften und Programme der heutigen Instrumentalmusik noch besonders ange- leitet wird, so liegt die Gefahr für die Phantasie, besonders der jugendlichen Zuhörer, bei dem allgemeinen Charakter der heutigen Musik noch näher. Die Zügellosigkeit, Aufgeregtheit, Unruhe, das beständige Uberspringen in die extremsten Stimmungsgegensätze, das Wühlen in den krassesten Tonfarben, was diese Musik kennzeichnet, muss in diesem Falle ähnlich wirken, wie die Lektüre der modernen Sensationsromane; wie diese kommt sie dem Bedürfnis eines grossen Teils der heutigen Gesellschaft nach nervöser Aufregung und anstrengungslosem Genuss entgegen, ist. aber auch gerade wie diese nur geeignet, die krankhafte Nervosität derselben fortwährend zu steigern.
Nach dieser orientierenden Ubersicht soll ein weiterer Aufsatz im einzelnen die Lehren der bedeutendsten Philosophen und Pädagogen über den ethischen Einfluss der Musik in kurzer kritischer Zusammenstellung behandeln.


