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umfang als Tonstärke, an Mannigfaltigkeit der Tonfarbe wie an Schnelligkeit und Ausdauer der Bewegung die menschliche Stimme weit übertreffen und zu den raffiniertesten Wirkungen auf Nerven und Empfindung benutzt werden können. Ein Hauptgrund der aufregenden, stark sinn- lichen Wirkung der modernen Musik ist auch in ihrer prägnanten, oft aufdringlichen Rhythmik zu suchen, die im Anschluss an den Tanz besonders im Ballet der Oper, später von der Instrumentalmusik abgesehen in der opera buffa und zu unserer Zeit in der Operette zur Ausbildung gelangt ist.
Die vielleicht wesentlichste Anderung in Stellung und Wirkungsweise der Musik ist jedoch noch zu erwähnen: sie beruht auf der Ausbreitung und herrschenden Stellung der reinen Instrumental- musik, die auch hauptsächlich von der Oper ausging und, auch nachdem sie sich emanzipiert hatte, in steter Wechselwirkung mit derselben blieb, wiewohl sie in gewissem Sinne das entgegen- gesetzte Prinzip vertritt, das des rein Technisch-Musikalischen, während die Oper ihrer Natur nach in erster Linie auf Charakteristik und Ausdruck ausgeht.
All die schon genannten technischen Vorteile, die die instrumentale Kunst vor der vokalen voraus hat, die unbegrenzte Kombinationsfähigkeit, die sie in den Klangfarben der einzelnen Instrumente und ihrer verschiedenartigen Zusammenstellungen, in der Beweglichkeit ihrer Tonreihen, der Sicherheit ihrer Intervalle, dem Umfang ihrer Tonskalen besitzt, hat schon sehr früh Komponisten und Zuhörer gereizt, sich ganz dem Zauber ihrer Formen, dem freien Spiel der Phantasie zu überlassen, und hat im Laufe des XVIII. Jahrhunderts zu jener staunenswerten, überreichen Fülle der reizendsten wie grossartigsten Tongebilde geführt, die das Zeitalter der deutschen Klassizität von Bach bis Beethoven kennzeichnet.
Dabei vernachlässigten die Heroen unserer Tonkunst keineswegs die Effekte, die ihnen zu Gebote standen, um auf Empfindung und Stimmung der Zuhörer zu wirken; doch wandten sie dieselben stets massvoll und innerhalb der Grenzen der musikalischen Schönheit an und so, dass sie den Hörer in harmonischer nnd gehobener Stimmung entliessen. Wie die Klassiker eine Dissonanz durchgängig in eine Konsonanz aufzulösen pflegten, wie sie in einem musikalischen Satze auf ein aufgeregtes, stürmisch bewegtes Thema ein ruhiges, getragenes, auf eine melancholisch klagende Melodie eine frisch bewegte folgen liessen, so finden wir auch im grossen nach einem Satz, aus dem zu uns tiefer Schmerz zu sprechen scheint, regelmässig einen, der uns wie tröstend anmutet, nach leidenschaftlichem Kampf jubelnde Siegesfreude, nach dumpfer Gedrücktheit er- leichternde Bewegung u. s. w. Daher wirkt allerdings die klassische Instrumentalmusik, wenn sie auch direkt ethische Wirkung nie erstrebt hat— nicht Besserung und Erbauung, sondern Unterhaltung und Ergötzung bezweckten die Komponisten durch das anmutig freie Spiel ihrer schöpferischen Phantasie—, dennoch unwillkürlich in gewissem Sinne ethisch, mag nun der Hörer den architektonischen Aufbau des Ganzen, die harmonische Vollendung seiner einzelnen Teile, die kunstvolle Mischung der Kontraste mehr ins Auge fassen oder den Formen der Bewegung mehr oder weniger konkreten Gefühlsinhalt unterlegen.
Nach heiden Seiten hin birgt aber die Instrumentalmusik auch den Keim zu manchen Ge- fahren in sich, die in der weiteren Entwicklung derselben in unserem Jahrhundert immer mehr zu Tage getreten sind. So schreibt u. a. der Wiener Professor S. Weiss ¹):„Der überreiche Apparat äusserer Mittel einerseits, der es jederzeit ermöglicht, die musikalische Armut mit aller- hand Flitter zu bedecken, andererseits der grosse, weitbegrenzte Horizont, in welchem die Phantasie
1)„Der Gesang und seine Einwirkung auf den musikalischen Geschmack“(Allgemeine Musikal. Zeitung, Leipzig 1872, Jahrgang VII, S. 558).
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