Aufsatz 
Die Musik als Erziehungsmittel und ihre ethische Wirkung überhaupt / von J. Klassert
Entstehung
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Bildung ungefähr dieselbe Bedeutung, welche die Beschäftigung mit den alten Klassikern für die allgemeine und das Studium der antiken Plastik für die künstlerische Bildung anerkanntermassen besitzen.

Aber gerade der strenge, in gleichmässigem Flusse dahinschreitende Stil dieser Musik, der scharfe dramatische Betonung, unvermittelte Kontraste, hinreissende Effekte nicht zuliess, reichte nicht aus, um starke Leidenschaft, rasch wechselnde Situationen, entgegengesetzte Charaktere deutlich zu kennzeichnen, und als Ende des XVI. Jahrhunderts die Gelehrten der Renaissance das antike Drama mitsamt seiner Musik wieder aufleben machen wollten, erkannten sie bald und mit Recht, dass die gebräuchliche polyphone Musik nicht nur nichtHüftweh heilen oder Brandstifter abhalten könne, Häuser anzuzünden u. a., was doch die Alten von ihrer Musik verlangt hätten, sondern auch in ihrer kühlen Einförmigkeit unfähig sei, die Empfindungen eines Helden auf dem Theater so auszudrücken, dass die Zuhörer davon ergriffen und gerührt würden. ¹)

Mit der Entstehung der Oper um die Wende des XVI. Jahrhunderts beginnt eine neue Periode der Musikgeschichte. Drehte sich dieselbe seit dem Untergang der antiken Welt wesent- lich um den kirchlichen Gesang und zwar, während ihr eigentlicher Kern und Keim, der gregoria- nische Choral, seit sehr früher Zeit ziemlich unverändert feststand, in merkwürdig konsequenter und stetiger Entwicklung, so ist es von jetzt ab fast durchweg die Oper, von der alle Befruchtung und Anregung zur weiteren Ausbildung der Tonkunst ausgeht. Bis in unser Jahrhundert ist die Oper für Gesang und Instrumentalmusik jeder Art, auch für religiöse, selbst liturgische Musik in vieler Beziehung tonangebend gewesen. Es ist natürlich, dass die moderne Musik, die wir mit Recht von der Entstehung der Oper an datieren können, wenn auch deren Einfluss auf die all- gemeine Entwicklung sich erst allmählich geltend machte, in Charakter und Wirkung etwas anders sich gestaltet hat, wie die Musik der vorausgehenden Epoche. Sowohl die Mittel, durch die der Ton- künstler wirkt, als das Ziel, worauf er hinwirkt, sind andere geworden und demgemäss auch die Wirkung selbst, die er bei den Zuhörern erreicht.

Es ist schon darauf hingewiesen worden, dass der neue Stil, den die Oper in die Musik einführte, ganz eigentlich als Reaktion gegen den Mangel an intensivem Ausdruck und gegen die Unfähigkeit zu lebhafter, dramatischer Bewegung entstanden ist, die der herrschenden Musik anklebte. Sowohl die strengen Formen der Polyphonie, die keiner Einzelstimme erlaubte, auf Kosten der anderen herrschend und dauernd aus dem Stimmengewebe herauszutreten, machten es der Musik unmöglich, dem individuellen Gefühl eines einzelnen, wie es im Drama gefordert wurde, wirksam zur Aussprache zu verhelfen, als auch die Eigentümlichkeit des alten Tonsystems, das eine harmonisehe Begleitung in unserem Sinne ausschloss. Da das Ohr des damaligen Publikums jedoch zu sehr an die vollen Klänge der mehrstimmigen Musik gewöhnt war, als dass man zu der gar nicht oder im Einklang begleiteten Melodie, wie sie im Choral oder Volkslied vorlag, hätte zurückkehren können, erfand man die moderne Art von instrumentaler Begleitung, die der darüber schwebenden Melodie nur als Folie dient und ihre Harmonienfolgen dazu benutzt, die rhythmischen und logischen Accente der Melodie noch stärker hervorzuheben und zu beleuchten. Teilweise zum selben Zweck, überhaupt aber, um die Ausdrucksfähigkeit der Musik zu erhöhen, machten sich sofort in der Oper die Chromatik und die Dissonanzen, deren freierer Gebrauch allerdings schon in den letzten Jahrzehnten des XVI. Jahrhunderts viel dazu beigetragen hatte, das alte

1) Vgl. Vincenzo Galilei, dialogo della musica antica e moderna(1581), die Vorreden der ersten Opern- komponisten Peri und Caccini zu ihren Opern(Euridice von Peri 1600, von Caccini 1601) und das Sendschreiben des Grafen Bardi über die griechische Musik(im Auszug im IV. Band von Ambros' Musikgeschichte).

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