24 sie entweder als Begleitung zu derartigen Liedern diente oder als Tanzmusik wirkte oder auch Gesangsweisen der oben bezeichneten Art wiedergab.
Eine selbständig entwickelte Instrumentalmusik in unserem Sinn hat es bis tief ins 16. Jahr- hundert nicht gegeben; dass sie aber in der eben geschilderten Form beim Tanz, bei Gelagen, in den Wirtshäusern, Badestuben, Spinnstuben, kurz bei all den Lustbarkeiten des Mittelalters, bei denen Ausschreitungen bedenklichster Art nicht selten vorkamen, eine grosse Rolle spielte, dafür bieten die bildlichen Darstellungen, namentlich die zahlreich erhaltenen Miniaturen, Stiche und Holzschnitte aus dieser Zeit den deutlichsten Beweis ¹).
Wie zahlreich und verbreitet andererseits, besonders gegen Ende des Mittelalters, auch die Volkslieder anstössigen Inhalts waren, zeigt nicht nur die öfters wiederholte Klage, die von Predigern und Satirikern, wie Seb. Brant, Geiler v. Kaisersberg, Thomas Murner geführt wird, sondern auch ein Blick in viele erhaltene handschriftliche und gedruckte Liedersammlungen oder in die Verzeichnisse solcher„Geuchlieder“, wie sie Johann Fischart nennt, im 1. und 8. Kapitel seiner „Geschichtklitterung“.
Aus begreiflichen Gründen stand daher der Klerus der Tanzmusik, dem Tanzlied und über- haupt dem weltlichen Volkslied meist feindlich gegenüber, selbst wo es keine wirklich hässlichen Auswüchse zeitigte oder in die Kirche einzudringen versuchte, wie es auch manchmal vorkam ²⁹).
Dass dies überhaupt geschehen konnte, dass geistlichen Texten so oft weltliche Melodien unterlegt wurden, ohne dass sich zwischen beiden Teilen ein prinzipielles Missverhältnis gezeigt hätte ³), lag an der Beschaffenheit der damaligen Musik. Das ganze Mittelalter hindurch und darüber hinaus war der Einfluss des kirchlichen Gesanges auf den weltlichen Kunstgesang sowohl als auf die einfache Liedkomposition so bedeutend, dass der Gegensatz von weltlicher und geistlicher Musik nie sehr gross wurde. Der Vorwurf der Uppigkeit, Schlüpfrigkeit, Un- anständigkeit, der gegen manche Gesänge erhoben wurde, gilt im Grunde nur dem Text. Im XV. und XVI. Jahrhundert, der Blütezeit ⁴) des geistlichen und weltlichen Kunstgesangs und, wenigstens in Deutschland, des Volksliedes, finden wir vielmehr ebenso, wie bei den weltlichen, mehrstimmigen Gesängen die harmonischste Verschmelzung von massvollem Ausdruck und kunst- vollster Pormenschönheit, so auch bei dem Volkslied im allgemeinen eine überaus edle, ruhige Ausdrucksweise, bald voll gewaltiger Kraft, bald voll rührender Innigkeit und doch fast leiden- schaftslos, mit Ausschluss aller auffallenden und packenden Effekte in Melodie und Rhythmus.
Der massvolle, formvollendete Stil verleiht der ein- und mehrstimmigen kirchlichen wie profanen Vokalmusik dieser Zeit gleichsam den Charakter der Antike und hat für die musikalische
1) Vgl. z. B. die hierhergehörigen Reproduktionen in A. Schultz, Deutsches Leben im XIV. und XV. Jahr- hundert 1892. Mindestens ein Lautenspieler oder Dudelsackpfeifer erscheint in den Darstellungen aus dieser Zeit fast regelmässig als dritte Person sogar da, wo nur ein einziges Paar sich zum Mahl oder vertraulicher Unterhaltung zusammengefunden hat.
2) Murner, Narrenbeschwörung XXII, 13:„der schampern lieder(der schandbaren Lieder d. h. Melodien) sind so viel, die man zur kirchen singen will“ u. s. f.
3) Wer könnte z. B. den Melodien zu„O Haupt voll Blut und Wunden(o caput cruentatum)“ oder„Nun ruhen alle Wälder(o esca viatorum)“, die allgemein in den katholischen wie protestantischen Gottesdienst Auf- nahme gefunden haben und mit Recht für Muster edlen, innigen Ausdrucks gelten, anhören, dass sie in Verbindung mit weltlichen Liebesliedern(„Mein G'müt ist mir verwirret“ und„Insbruck, ich muss dich lassen“) entstanden sind?
4) Näheres über den Charakter der Tonkunst dieser Zeit s. im III. Bd. von Ambros' Musikgeschichte und
bei Janssen, Geschichte des deutschen Volkes I, 206 ff. Der begeisterste Verehrer der Musik seiner Zeit war wohl Luther, dessen Lobsprüche darauf uns im 2. Teil beschäftigen werden.


