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Diese Gesänge haben als ihre merkwürdigste Eigenschaft bis in unsere Zeiten vollständige Rhythmuslosigkeit ¹) bewahrt, die offenbar im bewussten Gegensatz zu der stark hervortretenden, sinnlich packenden Wirkung des Rhythmus in der heidnischen Musik ausgebildet worden ist, während man in der Melodiebildung, wo man das einmal vorhandene antike Tonsystem nicht ent- behren konnte, sich begnügte, aufs ängstlichste alles Auffallende und Gewaltsame zu vermeiden, so dass ein Gesang entstand, der durch seine Befreiung von den Fesseln des Rhythmus aufs engste sich der logischen Betonung des Textes anzuschmiegen vermochte und in ruhig erhabenem Flusse, oft grossartigem Schwunge die Gemüter zu den Empfindungen der vorgetragenen heiligen Texte anregte, ohne die Aufmerksamkeit durch irgend welche Künstlichkeit der Form abzulenken.
Als seit dem 12. Jahrhundert die Mehrstimmigkeit und als notwendige Folge die regelmässige Taktmessung Eingang fand, änderte dies an dem allgemeinen Charakter der religiösen Musik nicht allzuviel. Die strenge Polyphonie, wenn sie auch zeitweise bis zur spitzfindigsten und grüblerischsten Künstlichkeit sich entwickelte, die einen ruhigen, erhebenden Eindruck oft nicht zuliess, hatte jedoch auch zur Folge, dass durch die in Rhythmus und Melodie unabhängige und selbständige Führung aller Stimmen in Verbindung mit dem alten, dem Choral entlehnten Tonsystem der Charakter des Massvollen, Ernsten und von aller Ausgelassenheit und Willkür Entfernten stets gewahrt wurde. Der an sich würdevolle und leidenschaftslose Stil der strengen Polyphonie, die Gesetzmässigkeit, die alle Zügellosigkeit, alles Übermass im Ausdruck verbot, hat es sogar möglich gemacht, dass ganz fromme Komponisten ohne Scheu wesentliche Melodieteile aus sehr obscönen Volksliedern in ihre Messen verflochten haben, wiewohl die Kirche öfters gegen eine derartige Benutzung bekannter Volksweisen, die immerhin bei dem Volk bedenkliche Erinnerungen wachrufen mussten, einschritt.
Was uns aus dem Mittelalter von praktischen Musikwerken erhalten ist, ist meist geistliche Vokalmusik, und die zahlreichen Stimmen, die in dieser Zeit über die ethische Bedeutung der Musik laut werden, stammen fast durchweg aus Kreisen, wo nur diese gepflegt wurde, nämlich von Klerikern und solchen, die ihnen nahe standen; auch wurde in den Dom- und Klosterschulen, wie auch in den ersten humanistischen Unterrichtsanstalten und späterhin in denen der Reformatoren und Jesuiten fast ausschliesslich die religiöse Vokalmusik, allerdings in sehr intensiver Weise gepflegt. Es ist begreiflich, dass die aus religiöser Begeisterung hervorgegangenen ein- und mehr- stimmigen Weisen dieser Zeit sehr wohl die Fähigkeit hatten, die gläubigen Gemüter zu erheben, zu begeistern und zu erbauen, und dass ihnen allgemein eine tiefe ethische Wirkung zugeschrieben wurde, d. h. eine ausserordentliche Erhöhung der Andacht und aller Empfindungen, die die Zeremonien des Gottesdienstes und die Worte des gesungenen Textes in den Zuhörern hervorriefen.
Wo dieser kirchlichen Musik, deren ethische Wirksamkeit ausser Zweifel steht, eine sitten- verderbende, lascive, ausgelassene gegenübergestellt wird, ist, wie schon erwähnt, in den früheren Jahrhunderten die heidnische Musik gemeint, in den Schriften aus späterer Zeit aber entweder das im Text oft äusserst derbe und unanständige, bisweilen abergläubische Volkslied, das in Rhythmus und Melodie sich in der Regel mehr an die Tanzmusik anlehnte und durch lebhaftere Bewegung und leidenschaftlichere Accente, worin sich die sinnliche Lebenslust des Volkes Luft machte, in einen gewissen Gegensatz zur religiösen Musik trat,— oder aber die Instrumentalmusik, insofern
1) Rhythmuslosigkeit in modernem Sinn ist gemeint. Die Versuche, die in jüngster Zeit mit grossem Auf- wand von Geist und Gelehrsamkeit unternommen worden sind(A. Dechevrens, du rhythme dans l'hymnographie latine 1895 und G. Gietmann im kirchenmusikalischen Jahrbuch 1896 S. 50 ff.), um für die Urform der gregorianischen Gesänge strenges Taktmass nachzuweisen, sind meines Erachtens nichts weniger als überzeugend.


