Aufsatz 
Die Musik als Erziehungsmittel und ihre ethische Wirkung überhaupt / von J. Klassert
Entstehung
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besonders in der Erziehung der Alten erringen, die wir bei Plato, Aristoteles, Plutarch u. a. so eingehend berücksichtigt finden werden.

Die Musik der letzten Zeit des Altertums war, wie schon angedeutet, tief herabgekommen Dass gerade bei dem geschilderten Charakter der antiken Musik diese selbst in Rom und Hellas in den Zeiten des allgemeinen Verfalls und der herrschenden Entsittlichung nach dieser Richtung hin entarten konnte und musste, ist einleuchtend. Selbst in den Kultus und in die Tempel hatte die verkünstelte, verweichlichte und doch aufregende Musik Eingang gefunden, die sich in den Theatern im Dienste der Sinnlichkeit und Unsittlichkeit ausgebildet hatte. Bestrebungen, wie die des Kaisers Julian, mit dem alten Glauben und Kultus auch die Musik wieder zu ihrer alten Würde und Wirksamkeit zurückzuführen, blieben ohne Erfolg. Wir besitzen von ihm einen Brief ¹), worin er, um wieder eine heilige Musik in den Götterdienst einführen zu können, Jünglinge zu diesem Behufe zu unterrichten befiehlt,wodurch sie nicht nur von ihm grosser Belohnungen teilhaftig, sondern auch ihre Seelen infolge der göttlichen Musik gereinigt würden, wie die sagen, die über diese Kunst richtig denken.

Dass das Christentum jede Beschäftigung mit der herrschenden Musik des Heidentums strenge zurückwies, ist erklärlich, ebenso aber, dass es die Musik selbst doch nicht entbehren konnte, da die gehobene religiöse Empfindung naturgemäss nach dem musikalischen Ausdruck sich hindrängt. Die Instrumentalmusik, die man vorzugsweise in Verbindung mit den unzüchtigen Pantomimen und ausschweifenden Orgien der zahlreichen orientalischen Mysterienkulte des sinkenden Heidentums zu hören und sich zu denken gewohnt war, wurde daher von den Christen vollständig per- horresciert, und auf sie bezieht sich das Wort des heiligen Hieronymus(ep. ad Laetam):Taub soll Deine Tochter für Musik sein; wozu Flöte, Leier, Cithara gemacht sind, soll sie nicht wissen.

Dagegen ist ein gemeinsamer Gottesdienst ohne Gesang überhaupt unmöglich. Das laute ausdrucksvolle Gebet des Priesters, das einer grösseren Menge verständlich sein soll, wird zum Gesang, und sobald mehrere miteinander dasselbe betend rezitieren, geraten sie unwillkürlich in einen gewissen Rhythmus und in eine ganz bestimmte Tonhöhe, die bei stark betonten Silben und in der Schlussformel gleichmässig steigt und fällt. So bildete sich denn, von den einfachsten Formen ausgehend, die wir jetzt noch in den aus dieser Zeit stammenden Psalmenmelodieen und in den Gesängen des fungierenden Priesters beim Gettesdienste der katholischen Kirche verfolgen können, eine allmälig zu reicheren Formen sich entwickelnde christliche Musik aus ²), der sogenannte gregorianische Choral, der Jahrhunderte lang, auch nachdem das Aufkommen der Mehrstimmigkeit eine grosse Umwälzung im religiösen Gesang hervorgebracht hatte und das weltliche Lied zu hoher Blüte gelangt war, die Grundlage und Norm fast aller Musik bildete.

1) ep. 56.

2) Für die älteste Zeit ist wohl sicher die Herübernahme der hebräischen Psalmodie in den christlichen Gottesdienst vorauszusetzen; hat sich doch auch Christus(vgl. Matth. 26, 30) bei der Feier des letzten Abend- mahles ohne Zweifel genau an die überlieferte Ordnung angeschlossen, in der die Juden das Osterlamm unter Gebet und Psalmengesang zu feiern pflegten, und ist deshalb die Messliturgie in ihren wesentlichen Teilen dieser Abendmahlsfeier nachgebildet worden; doch lässt die ganze Entwicklungsgeschichte des sogenannten gregorianischen Chorals und die Beschaffenheit der ältesten Bestandteile desselben erkennen, dass der Einfluss der hebräischen Musik auf die römische Liturgie nur sehr gering gewesen sein kann, und dass wir im wesentlichen in der ältesten christlichen Musik nicht eine Weiterbildung vorhandener Kunstelemente, sondern einen Anfang im oben bezeichneten Sinne zu erblicken haben(vgl. das anregende Werk von Dr. P. Wagner, Einführung in die gregorianischen Melodien 1895 S. 12 f.)