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so ist es auch nicht ganz richtig, dass„je mehr der Mann, der Charakter, der Denker sich bildet, er um so kälter gegen sie“ werde, wie Weiss meint. Die unmittelbar zündende und begeisternde Wirkung, die die Musik auf jugendliche Gemüter hervorzubringen pflegt, wird aller- dings mit den Jahren, mit der Zunahme der Erfahrungen und Mühen des Lebens in gleicher Weise abnehmen, wie die Gewalt der äusseren sinnlichen Eindrücke überhaupt, und wer gewohnt ist, sich blind von der Musik beherrschen zu lassen und in der Jugend nicht gelernt hat, sie anders denn als rein sinnlichen Eindruck auf sich wirken zu lassen, der mag vielleicht später nur mit einer gewissen Verachtung und Scham auf sie niederblicken. Wer aber einmal die stärkende und beruhigende und dabei doch allseitig anregende Macht an sich erfahren hat, den die selbstthätige Versenkung in die echte Schönheit wirklich klassischer Musik zu üben vermag, der wird jederzeit gern zu ihr zurückkehren, um einen desto edleren und reineren Genuss aus ihr zu schöpfen. Er weiss nicht nur Erholung und Trost, ein Vergessen aller Leiden und alles Erdenmühsals in ihr zu finden, sondern auch Erhebung, Kraft und Mut, sich von neuem den schweren Aufgaben des Lebens zuzuwenden. Das haben auch in unseren Jahrhunderten zahlreiche Männer der That und Wissenschaft durch Wort uud Beispiel zu erkennen gegeben, Männer wie Friedrich der Grosse, wie Herder, Goethe, Herbart, W. H. Riehl, K. v. Raumer, der Fürstabt Gerbert von St. Blasien, die Juristen Forkel, K. v. Winterfeld, Thibaut, G. v. Tucher, A. von Thimus, die Philologen Otto Jahn und Fr. Bellermann, der Mediziner Th. Billroth und so viele andere.
Werfen wir nunmehr einen Blick auf die Entwickelungsgeschichte der Musik, soweit sie für das Verständnis der noch zu besprechenden Theorien in Betracht kommt. Zunächst muss uns die Musik des klassischen Altertums beschäftigen, da nicht allein ihre Pflege in, der praktischen Erziehung der Alten eine so wichtige Stelle einnahm, sondern auch Platos und Aristoteles' An- sichten über die ethische Bedeutung der Musik vielfach zum Ausgangspunkt späterer Lehren geworden sind und die Meinungen darüber bis in die neueste Zeit wesentlich beeinflusst haben.
Es ist ausserordentlich schwer, von dem Charakter der Musik des klassischen Alter- tums einen richtigen Begriff zu erhalten. Eine klare Anschauung davon ist der Nachwelt dadurch absolut unmöglich gemacht, dass fast alle praktischen Kunstprodukte, die doch einzig über den Stand einer Kunst sichere Aufschlüsse vermitteln können, verloren gegangen sind; das wenige, was wir davon besitzen ¹), ist teils unsicher, was seine Echtheit anbelangt, teils sind es an Umfang und Wert ziemlich unbedeutende Reste aus einer Zeit, wo die eigentliche Kunstblüte längst erstorben war. Wir sind also fast nur auf die Ansichten von Musiktheoretikern und Philosophen angewiesen, aus denen wir allerdings manche wichtige Schlüsse über die Theorie und Praxis der antiken Musik ziehen können, auch über die Gründe der Thatsache, dass von derselben eine ganz ausserordentliche Wirkung in ethischer Hinsicht erwartet wurde und auch ausging.
Dass ihr direkter Einfluss auf Gefühl und Charakter ungemein viel grösser war, als bei unserer Musik, war ebenso durch die grössere Empfänglichkeit des Volkes für solche Wirkungen als durch den eigentümlichen Charakter der Musik selbst bedingt. Was den ersten Umstand anlangt, so ist darauf hinzuweisen, dass nach dem Urteil aller darauf achtenden Reisenden bei den südlichen Völkern, die wie die alten Griechen viel erregbarer, leidenschaftlicher, sinnlicher angelegt sind als die germanischen Völker, noch heutzutage die Musik ähnlich lebhaft und unmittelbar wirkt, wie bei den Hellenen. Wie diese selbst die objektive, nach unseren Begriffen so massvolle und leidenschaftslose Erzählung Homers auf sich wirken liessen, berichtet uns der
1) Alles Erhaltene(auch die ersten der delphischen Funde) jetzt am besten in C. von Jans Ausgabe der Musici Scriptores Graeci(Teubner 1895) S. 430 ff.
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