Aufsatz 
Die Musik als Erziehungsmittel und ihre ethische Wirkung überhaupt / von J. Klassert
Entstehung
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Menschen sehr intensiv auch nach dieser gefährlichsten Richtung hin seine Wirkung äussern kann. Dies ist auch die psychologische Grundlage von Tolstois Anklage der Musik in der Kreutzersonate. Die Musik gibt jedoch an sich der Aufregung keinerlei Direktive, sie erregt nur Nerven und Phantasie; aber wo diese durch Natur oder Gewöhnung vorzugsweise unsittlichen Einflüssen zugänglich sind, wird eine jede körperliche und geistige Aufregung, sofern sie nicht zugleich eine zwingend starke Ableitung für die Phantasie mit sich bringt, gerade so gefährlich wirken, wie eine Musik der geschilderten Art. Wenn natürlich zu solcher Musik ein unsittlicher Text, ein unsittlicher Titel, eine unsittliche Darstellung oder sonstige unsittliche Umstände treten, oder wenn sie die Erinnerung an derartiges bei den mit ihr vertrauten Zuhörern erweckt, dient sie vermöge ihrer aufregenden Wirkung direkt der Beförderung der niedrigsten Leidenschaften.

Bei guter, klassischer Musik verhält es sich ganz anders. Eine Sonate, Symphonie, ein Streichquartett bietet, wenn nur bei dem Hörer der Sinn für das Reinmusikalische durch Natur- anlage oder vernünftigen Unterricht einigermassen entwickelt ist, der Phantasie so reiche Be- schäftigung, dass ein Raum für unreine Bilder gar nicht entstehen kann, und die massvolle Würde, die harmonische Klarheit und Heiterkeit, die alle wahren Meisterwerke charakterisiert, ist wohl vermögend, Geist und Phantasie aus dem Schmutz in die Höhe zu ziehen, aber nicht umgekehrt. Ja, es gibt kein wirksameres Mittel, sich, wie überhaupt unangenehmen, quälenden Gedanken, so besonders unsauberen Vorstellungen zu entziehen, als gute Musik. Eine erregte Phantasie vermag ihr Spiel fortzusetzen, auch wenn man sich bemüht, die Gedanken oder selbst die Augen auf ablenkende Gegenstände zu richten; den Eindrücken des Ohres vermag sie sich nicht zu entziehen. 3

Die mässigende und veredelnde Kraft guter Musik bewirkt sogar, dass der Eindruck unleugbar verfänglicher und bedenklicher Texte durch dieselbe ausserordentlich gemildert wird. In einer klassischen Oper geht man thatsächlich an Stellen ohne üblen Eindruck vorüber, die in einem Drama aufs peinlichste berühren würden, und in anständigster Gesellschaft kann man mitunter Damen ohne Erröten Dinge singen hören, die sie mit Recht sich schämen würden laut auszusprechen oder zu deklamieren. Derartiges soll natürlich keineswegs entschuldigt werden; im Gegenteil trägt in diesem Falle eine sehr gute Eigenschaft schöner Musik dazu bei, Unlauteres in Kreise und Herzen einzuschmuggeln, die sich sonst vielleicht dagegen abschliessen würden.

Noch eine andere Anklage gegen die Musik, der wir in ähnlicher Form noch bei John Locke, Kant und Anderen begegnen werden, sei auch in den Worten des mehrerwähnten Theologen Weiss ¹) angeführt. Er hält die Pflege der Musik für einen vernünftigen Menschenhöchstens als Sorgen- brecher, als Zerstreuung, als Rast von der aufreibenden Gedankenarbeit für erlaubt und selbst dann noch für gefährlich.Immer wird er verspüren, dass er augenblicklich an Arbeitslust und Arbeitskraft, an Mut zu Kampf und Leiden, an Gedankenschärfe und Charakterruhe eingebüsst hat, sobald er im Genusse derselben nur einen Schritt zu weit gegangen ist.Nur der Zwang, den die unausweichliche Pflicht des Berufes übt, ist im stande, die Gefahren aufzuwiegen, welche die Musik als Leidenschaft und Liebhaberei mit sich bringt, und selbst dieser nicht immer, wie die Lebensgeschichte so mancher grossen Tonkünstler zeigt. Auch diese Vorwürfe gehen viel zu weit. Eine unbefangene Prüfung der Lebens- und Charakterentwicklung unserergrossen Ton- künstler, eines Bach, Händel, Gluck, Haydn, Mozart, Beethoven, vom sittlichen Standpunkt aus würde sicher kein schlechteres Resultat ergeben, als bei den Heroen irgend welches anderen Zweiges der Kunst oder Wissenschaft. Und was die dilettierende Beschäftigung mit Musik angeht,

1) A. a. O. S. 834 ff.