Aufsatz 
Die Musik als Erziehungsmittel und ihre ethische Wirkung überhaupt / von J. Klassert
Entstehung
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Auf einzelne sittlich wirkende Momente, die noch beim Musikunterricht selbst in Betracht. kommen, werden wir später nochmals zurückkommen; es sei hier nur mit Palmer ¹) erinnert an den Ernst, mit welchem der Musikschüler sich zu seinem UÜben und Lernen hergeben muss, an die Pietät, die der Lehrling in einer Kunst gegen den Meister derselben sich aneignen muss, vor allem aber an die Unterordnung der Einzelnen unter das Ganze, die ein musikalisches Zu- sammenwirken von jedem Schüler verlangt. Gerade die disziplinierende Wirkung, die in dieser Unterordnung und in dem Bewusstsein liegt, dass der Einzelnenur durch Hingabe an den gemeinsamen Zweck und durch selbstlose Zurückstellung des eigenen Ich die Leistung des Ganzen fördern und sichern könne, wird von vielen Pädagogen als ausserordentlich wertvoll für die Veredlung des Charakters bezeichnet ²).

Es mag hier noch einiger schwerer Vorwürfe gedacht werden, die gegen die Musik schon öfter sind erhoben worden. Der schon erwähnte Kulturhistoriker A. M. Weiss spielt mehrfach ³) auf einen Zusammenhang der Musikliebe mit geschlechtlichen Erregungen und Verirrungen an. Er steht in dieser Ansicht nicht allein. U. a. suchte in einem AufsatzUnreine Kunst) E. Langer die sinnliche, triviale Musik und das Gefallen daran auf den Paarungslockruf und den Geschlechtstrieb zurückzuführen.

Thatsächlich hat allerdings Darwin[Die Abstammung des Menschen)] die Ansicht auf- gestellt, die Musik habe sich als Mittel der Brautwerbung bei den früheren Urerzeugern des Menschen entwickelt und sei hierdurch mit den stärksten Gemütserregungen, deren sie fähig waren, assoziiert worden.Wie diese musikalische Bewerbung viele Generationen hindurch instinktiv betrieben wurde, so verband sich das Singen und Hören musikalischer Töne fest mit jenen teils sanften, teils heftigen, indess durch die Liebessehnsucht, die in ihnen die Hauptrolle spielt, immer lustvollen Gefühlen; diese Verbindung prägte sich dem Geist aufs tiefste ein und vererbte sich von den Eltern auf die Kinder fort und fort u. s. w.So werden also noch heutzutage musikalische Töne jene mannigfachen, mit Lust verknüpften Erregungen der Liebe, der Sehnsucht, des Triumphes hervorrufen und in den Hörern jene Gefühle erwecken, welche ihre Urahnen bei ihrem Gesange beseelte(Bergé) nach Darwin). Die Haltlosigkeit von Darwins und Bergs Ansichten über den Ursprung der Musik selbst und der Freude und Lust, die wir an ihr empfinden, ist von Stumpf?) überzeugend nachgewiesen; Darwin leugnet übrigens auch den Fortbestand des spezifisch sinnlich-erotischen Charakters des Musikgefühls für unsere jetzige Kunst; er sei allmählich verloren gegangen, wie nach seiner Theorie durch Nichtgebrauch auch ganze Glieder des Körpers geschwunden seien. Was aber den oben angedeuteten Vorwurf betrifft, so ist eine direkte Wirkung der Musik nach jener Seite hin nur in dem Sinne möglich, als ein Musikstück, das durch seine Beschaffenheit, besonders seine Rhythmik, vorzugsweise geeignet ist, den ganzen Menschen aufzuregen, das ganze Nervensystem in Schwingungen zu versetzen, bei geschlechtlich leicht erregbaren

1) ArtikelMusik in Schmids Encyclopädie.

2) Schrader, Erziehungs- und Unterrichtslehre für Gymnasien und Realschulen 1868,§ 38; vgl. auch in Dornheckters schon erwähnter Programmarbeit(Stralsund 1880) S. 15 f. die Worte Herders, Diesterwegs, Kellners und des Verfassers selbst über diesen Punkt.

3) Apologie des Christentums, Bd. III, 1884, namentlich S. 838, Text und Anmerkung.

4) Heft 5 und 6 der Fliegenden Blätter für kath. Kirchenmusik, Jahrgang 1882, S. 49 ff., 61 ff.

5) Vgl. auchDer Ausdruck der Gemütsbewegungen bei den Menschen und Tieren(übers. von V. Carus 1872) S. 84 f., 88, sowie H. Berg(Pseudonym?),Die Lust an der Musik Berlin 1879.

6) A. a. O. S. 12 f.

7) Siehe den schon erwähnten Aufsatz in der Vierteljahrsschrift f. Musikw. I(1885) S. 305 ff., 308 ff.

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