Aufsatz 
Die Musik als Erziehungsmittel und ihre ethische Wirkung überhaupt / von J. Klassert
Entstehung
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Aufeinanderfolge der einzelnen Redeteile die Art und Bewegung, das Zu- und Abnehmen der Affekte selbst recht wohl erkennen. Wir unterscheiden bebende Angst und plötzlichen Schrecken, zärtliches Bitten und schroffen Tadel, zornigen Trotz und demütige Ergebung, flammende Begeisterung und trübe Mutlosigkeit und dergleichen mehr. Auch vermõögen wir unschwer aus gewissen Modifikationen der Art und Weise, wie dieselben Gemütsbewegungen bei verschiedenen Individuen durch die Stimme sich zu äussern pflegen, auf stehende Charaktereigentümlichkeiten derselben, besonders auf das, was man Temperament nennt, zu schliessen, ähnlich wie es oben von den Körperbewegungen ausgeführt wurde.

Die geschilderte Bewegung der menschlichen Stimme gibt nun aber nicht nur Aufschlüsse über Dinge, die wir durch irgend welchen Zufall verhindert sind aus den Worten selbst zu ent- nehmen: sie ist auch da, wo wir alles Gesprochene verstehen, meist eine Ergänzung, oft eine notwendige Ergänzung der blossen Sprache. Die Sprache an sich, d. h. die Schriftsprache oder z. B. die ausdruckslose Sprache eines Tauben oder eines Menschen, der etwas in einer ihm absolut fremden Sprache abliest, ist nur fähig, Gedanken und Vorstellungen mitzuteilen; dagegen alle die Beziehungen, die das Gesprochene zu des Sprechenden Gefühls- und Willensvermögen hat und im gewöhnlichen Leben sind wir in der Regel bei dem, was wir besprechen, mit unserem Interesse irgendwie beteiligt all diese Beziehungen können durch die Sprache wohl geschildert und umschrieben werden, aber ein klares Bild von dem, was in der Seele des Sprechenden vorgeht, erhält der Hörer erst durch den Ausdruck, den jener vermittelst der Bewegung seiner Stimme den Worten verleiht. Es ist bekannt, wie schwer und ungern jemand, dessen Gemüt von einem starken Gefühl bewegt und erfüllt ist und sich auszusprechen drängt, zu dem Mittel schriftlicher Mitteilung greift: er weiss, dass einige gesprochene Worte mehr sagen können, als eine seitenlange Schilderung seines Gemütszustandes.

Zwar sind auch die sonstigen Bewegungen des Körpers, gerade wie die der Stimme, ein direkter Ausdruck der Gemütsbewegungen, aber die Ubertragung auf den Nächsten geschieht viel weniger unmittelbar und wirksam: es ist eine psychologische Thatsache, die schon in Sulzers allgemeiner Theorie der Künste mehrfach hervorgehoben wird, dass das Gehör weit lebhafter und feiner empfindet als der Gesichtssinn; es scheint, dass die Gehörnerven mit denjenigen, durch die unser Trieb- und Gefühlsleben thätig ist, in ausserordentlich enger Verbindung stehen ¹).Der Weg des Ohres, sagt Schiller, ²)ist der gangbarste und nächste zu unserem Herzen und Plato ³):am meisten dringt in's Innere der Seele der Rhythmus und die Melodie. Der Ton wirkt unmittelbar auf das Gefühl, während demselben die Eindrücke, die wir durch das Gesicht empfangen, erst durch einen komplizierten Vorstellungsmechanismus vermittelt werden.

So bildet denn die melodische, rhythmische und dynamische Bewegung der Stimme den eigensten Ausdruck der Gefühle, die eigentliche Gefühlssprache.Die Töne sind eben das, was einem anderen Sinn die Geberden sind, Ausdruck der beweglichen Natur, elastische Schwingungen, eine unmittelbare Herzenssprache ¹).

Von der Bewegung der menschlichen Stimmtöne, der physiologischen Folge erregter Gefühle, geht nun die Musik aus), indem sie einesteils diese Tonreihen im Interesse des Ausdrucks durch

1) Vgl. auch Helmholtz, d. Lehre von den Tonempf. ⁴4 1877 S. 4.

2) In dem Aufsatzüber das gegenwärtige deutsche Theater.

3) Rep. III, 12.

4) Herder a. a. O.

5) Vgl. dazu Goethe in den Regeln für Schauspieler§ 21(1803), der die Deklamation eineprosaische Tonkunst nennt.Nur muss man unterscheiden, fährt er fort,dass die Musik ihren selbsteigenen Zwecken gemäss sich mit mehr Freiheit bewegt, die Deklamierkunst aber im Umfang ihrer Töne weit beschränkter und einem fremden Zwecke unterworfen ist(Bd. X der Cotta'schen Ausgabe von 1875 S. 357).. 2*½