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ihrer ethischen Bedeutung klargestellt werden können. Da ferner die Wirkung und Wertschätzung der Musik als Erziehungsmittel im engsten Zusammenhang steht mit dem jeweiligen Stande ihrer geschichtlichen Entwickelung, so soll weiterhin ein zusammenfassender Uberblick auf die wichtigsten Daten und Epochen der Musikgeschichte von diesem Standpunkte aus gegeben werden. Auf dieser Grundlage wird es dann leicht sein, ein Verständnis für die philosophischen und pädagogischen Theorien über den ethischen Einfluss der Musik und ihre Verwertbarkeit in der Erziehung zu gewinnen, von denen die wichtigsten im zweiten Teile eine vergleichende Beurteilung erfahren sollen. Einige praktische Schlussfolgerungen werden sich als Ergebnis der ganzen Untersuchung anschliessen und uns gestatten, nochmals zum Schluss auf den Gegenstand zurückzukommen, von dem wir ausgegangen sind, die Pflege der Musik auf unseren höheren Schulen.
Wenn wir ¹) aufmerksam aus der Ferne, etwa mit bewaffnetem Auge, zwei Menschen beobachten, die in einem Gespräche miteinander begriffen sind, wovon uns die Entfernung auch den geringsten Laut zu hören verhindert, können wir dennoch aus den körperlichen Bewegungen der Sprechenden, aus Gesten und Mienenspiel, über Charakter und Inhalt des Gespräches manche sichere Schlüsse ziehen. Wir können erraten, ob das Gespräch gleichgültig, ernst, lustig, leiden- schaftlich ist, ob es wechselnd überspringt auf verschiedene, das Interesse des einen oder des anderen verschieden erregende Gegenstände, ob vielleicht der eine hartnäckig bei dem anderen etwas zu erreichen sucht, ob der Angeredete dem Verlangen gern oder mit Überwindung zustimmend, kalt oder leidenschaftlich abweisend gegenüber steht, ob eine solche Zurückweisung einschüchternd oder zum Widerspruch reizend oder zu gesteigertem Affekt entzündend auf den apderen wirkt, u. S. f.
Aber nicht nur vorübergehende Affekte und Stimmungen der Sprechenden können wir auf diese Weise erraten, sondern bei fortgesetzter Beobachtung vermögen wir auch auf die habituellen Charaktereigentümlichkeiten des Einzelnen zu schliessen: ob einer leicht oder schwer erregbar. ob leicht in die Gedanken und Art des anderen sich fügend und eingehend, ob schwerfällig und bedächtig, u. s. f. Es ist eben der Mensch, wie Herder sagt,„die ausdrucksvollste Allegorie. Kräfte, Neigungen, Gedanken und Leidenschaften der Seele deutet sein Ausseres, der Körper, nicht etwa nur an, sondern stellet sie dem Verständigen dar“ ²).
Weit stärker und weit zahlreicher jedoch, als es die sichtbaren Bewegungen des Körpers vermögen, vermittelt uns die Bewegung der menschlichen Stimme durch das Ohr Mitteilungen über innere Vorgänge und Gemütsbewegungen anderer. Wir können das wiederum erkennen, wenn wir zwei sich unterhaltende Menschen beobachten, aber nun in etwas geringerer Entfernung, so dass wir zwar immer noch nicht die Worte des Gesprächs zu vernehmen im Stande sind, jedoch der Klang der Stimme, etwa durch eine Wand gedämpft, an unser Ohr schlägt, oder noch besser, wenn wir Leute in einer uns vollständig fremden Sprache sich besprechen hören.
Auch hier können wir an dem allmählichen oder plötzlichen Steigen und Fallen der Tonhöhe, am Wechsel der Tonstärke, an der schnellen oder langsamen, regelmässigen oder wechselnden
1) In den Grundgedanken schliessen sich die folgenden Ausführungen an Helmholtz„Die Lehre von den Tonempfindungen“(1863) und Herbert Spencer„the origin and function of music“(im ersten Bd. seiner Essays 1858) an; vgl. auch C. Stumpf, Musikpsychologie in England, in der Vierteljahrsschr. f. Musikwissenschaft I(1885) S. 261 ff. und Ehrlich, die Musikästhetik in ihrer Entwicklung von Kant bis auf die Gegenwart(1881). Was gegen Spencers Theorie von seinen englischen Gegnern, besonders Gurney(vgl. Stumpfs Aufsatz a. a. O.), und von Stumpf in dessen gründlicher„Tonpsychologie“(Leipzig 1883) eingewendet wird, scheint mir nicht stichhaltig. Stumpfs Versuch, die Wirkung der Musik wesentlich nur durch„Associationen“ zu erklären, ist in beschränktem Mass gewiss für das Verständnis der modernen Instrumentalmusik von Vorteil; die ganze Entwieklung und Technik der Vokalmusik weist jedoch entschieden auf Spencers Theorie hin.
2) Früchte aus den sogenannt goldenen Zeiten des 18. Jahrhunderts(9. Abschnitt. Tanz. Melodrama).


