„Wo man singet, lass dich ruhig nieder, Ohne Furcht, was man im Lande glaubt; Wo man singet, wird kein Mensch beraubt: Bösewichter haben keine Lieder.“ ¹)
Wie die Dichter, so haben hochbedeutende Denker aller Zeiten die ethische Bedeutung der Musik erkannt und geschätzt. Plato, Aristoteles, Plutarch und andere Geistesgrössen des Altertums werden uns noch eingehender beschäftigen; die Lobeserhebungen, in denen sich die Kirchenväter und Profauschriftsteller des Mittelalters ergehen, wo sie auf die sittliche Wirkung der Musik zu sprechen kommen, werden noch überboten durch Luther, mit dessen Aus- sprüchen zu gunsten dieser Eigenschaft der Musik man ganze Seiten füllen könnte; auch aus der Neuzeit werden wir eine Reihe bedeutsamer Ansichten von Philosophen und Schulmännern mitteilen.
Um aber auch im voraus anzudeuten, wie verschieden die Wirkungen sind, die man bisweilen der Musik zutraut, mögen zwei Zitate folgen. Im 2. Kapitel seines tüchtigen, auch musik-historisch wichtigen Traktates de musica(1490) sagt der gelehrte Dichter und Komponist Adam von Fulda: „Musica reducit incontinentes ad castitatem, insanos ad usum rationis, tristes ad laetitiam, debiles ad solatium, aegros ad sanitatem, inordinatas imaginationes ad constantiam et deliberationem, pigros et inutiles ad agilitatem; cum musica spiritus reficiat, et ad tolerantiam exhilarat mentes, animae autem finaliter salutem impetrat“ u. s. f.²) Welchen Gegensatz zu dieser Auffassung bilden aber die Worte des geistreichen Dominikaners P. Albert Maria Weiss ³), der die Musik zwar„die älteste und primitivste, aber auch weitaus gefährlichste“ aller Künste nennt.„Keine ist so sinnlich, keine bleibt mehr in der Materie haften, keine wirkt so sehr auf die niederen sensitiven und sensibeln Organe des Leibes und des Gemütes, keine übt so leicht einen entnervenden und verweichlichenden Einfluss auf den Charakter aus, keine führt so gern zur Schöpfung einer einge- bildeten und zur Vernachlässigung der gegebenen Welt, keine— ausser sie wird als Erwerb und Beruf betrieben und dann durch den Ernst der beharrlichen UÜbung von den Gefahren des Dilettantismus gereinigt— verleitet so häufig zu Unordnung, Einseitigkeit, Pflichtvergessenheit, Einbildung, Phantasterei, Schwärmerei, keine macht so reizbar, unbelehrbar, dünkelhaft, launenhaft, herrschsüchtig, unverträglich.“
Das Gesagte mag genügen, den Versuch gerechtfertigt erscheinen zu lassen, die Frage des ethischen Einflusses der Musik einer eingehenderen Betrachtung zu unterziehen, soweit dies im Rahmen eines Schulprogramms möglich ist. Es wird zunächst eine Orientierung über Wesen und Wirkung der Musik überhaupt nicht zu umgehen sein, bevor die Möglichkeit und die Ursachen
1) Erste Strophe des Gedichts„Die Gesänge“(VII, 216 der l[ö.] Gesamtausgabe, Leipzig 1853). Ganz ähnlich sagt ein italienisches Volkslied(mitgeteilt in Svoboda's IIlustrirter Musikgeschichte II, S. 31):
„Die Engel haben uns das Lied gegeben:
An nichts als Liebe denkt man ja beim Singen. Sie wollten uns im Lied erheben:
Wer kann beim Singen Böses je vollbringen?“
2) In Gerberts Scriptores eccles. de musica, III, 335 ff. Auch in den folgenden bis zum 7. Kapitel incl. fährt er fort, mit einer Menge von Beispielen aus dem alten Testament und der Antike, sowie von Zitaten klassischer und späterer Schriftsteller die Macht der Musik zu erweisen und sie gegen ungerechte Anschuldigungen in Schutz zu nehmen. Im cap. 3 gesteht er allerdings auch im Anschluss an Ovid rem. am. 361 f. nachteilige Wirkungen der Musik zu:„Sed mentes quoque alienat, incitat ad libidinem, ad carnis concupiscentiam; hinc rixae, contentiones et homicidia.“
3) Apologie des Christentums, Bd. III(Sondertitel: Natur und Übernatur) 1884. S. 834 f.


