Aufsatz 
Die Musik als Erziehungsmittel und ihre ethische Wirkung überhaupt / von J. Klassert
Entstehung
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8 schätzig zu urteilen. So tritt Palmer ¹) schroff gegen die Ansicht auf, der Gesangunterricht müsse auf sittliche und religiöse Bildung abzielen, und leugnet in aller Form ²),dass die Musik ihre Wirkung über das rein Asthetische, Musikalische auf das Ethisch-Sittliche ausdehnen könne. Doch gesteht auch er fast unmittelbar darauf zu, dassder Genuss der idealen Schönheit den Menschen über sich selbst und die Welt erhebt und dass dadurch die Musik in nahe Beziehung zur Religion tritt, und weiterhin, dass auch an ihrder ethische Wert und Gehalt des Menschen sich übe und hebe; er zählt sogar eine ReiheSittlicher Wirkungen auf, die das praktische Musiktreiben im Gefolge habe ³). Geradeso muss auch Hanslick) selbst neben der ethischen Wirkung, die alle wahren Kunstwerke jeder Gattung erzeugen, indem sie den Geist vom Gemeinen, Niedrigen und Alltäglichen abwenden und in ideale Regionen erheben, für die Musik auch eine direkte Wirkung auf Gemüt und Charakter zugeben; er sieht diese allerdings als etwas an, was mit der Musik als Kunst nichts zu thun habe und was zum Portschreiten der Kultur im um- gekehrten Verhältnis stehe:Der moralische Einfluss der Töne wächst mit der Unkultur des Geistes und Charakters). Dass eben deshalb dieser Einfluss für die Jugenderziehung von Wichtigkeit werden kann, müsste auch von einem unbedingten Anhänger Hanslicks, wie Palmer es sein will, zugestanden werden. Wenn die Formalisten sich auf einen Ausspruch Goethe's) berufen:die Musik so wenig als irgend eine Kunst vermag auf Moralität zu wirken, und immer ist es falsch, wenn man solche Leistungen von ihnen verlangt, so muss man dem entgegenhalten, dass er selbst wenige Jahre früher in der pädagogischen Provinz seiner Wanderjahre die Musik zumElement seiner Erziehung gemacht hat, ganz abgesehen von den vielen Stellen seiner Dichtungen, wo gerade diese Seite der Musik anerkannt und verherrlicht wird). Man denke nur an den wunderbaren Erfolg, mit dem er in der herrlichen Osternachtscene seines Faust im entscheidenden Augenblick Gesang und Glocken- klang wirken lässt:O tönet fort, ihr süssen Himmelslieder! Die Thräne quillt, die Erde hat mich wieder. Unsere grossen Dichter haben überhaupt viel dazu beigetragen, uns den Glauben andie

Macht des Gesanges, an die zauberische und unwiderstehliche Gewalt, mit der die Musikdas bewegte Herz beherrscht, geläufig zu machen. Goethe, Schiller, Uhland glauben an den ethischen Einfluss der Musik und verherrlichen ihn. Wer kennt nicht Shakespeare's Worte im Kaufmann von Venedig(V, 1):

Der Mann, der nicht Musik hat in ihm selbst,

Gerührt nicht wird vom Einklang süsser Töne,

Zu Ränken, Raub, Verrat ist der gemacht;

Die Triebe seines Geistes sind wie Nacht,

Sein Herz ist schwarz wie Erebos, Trau nicht dem Mann!³)

Und wie oft hört man Seume's geflügelte Worte zitieren, die in ihrer ursprünglichen Ge- stalt lauten:

1) In Schmids Encyclopädie des gesamten Erziehungs- und Unterrichtswesens, ArtikelGesang II, 747,

2) Ebenda IV, 1107, ArtikelMusik.

3) Ebenda 1107 ff.

4) Vom Mus.-Schönen, S. 80 ff. u. ö.

5) A. a. O. S. 101.

6) In dem Aufsatz: Nachlese zu Aristoteles' Poetik(1826), Cotta'sche Ausgabe von 1875, Band VIII, S. 234 ff.

7) Wanderjahre, Buch II, Kapitel 1; weiteres über Goethes Stellung zu dieser Frage im zweiten Teil dieser Arbeit.

8) So Herders Übersetzung, der die Stelle 1778 seiner Sammlung von Volksliedern als Motto vorangesetzt hat. Andere Aussprüche Shakespeares über Musik finden sich im Wintermärchen, Sturm, Was ihr wollt, Heinrich VIII. (Schluss von Katharinens Lied) u. a.