Aufsatz 
Die Musik als Erziehungsmittel und ihre ethische Wirkung überhaupt / von J. Klassert
Entstehung
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musikalischen Kunst zu Grunde liegen, so gross und verbreitet gewesen, wie jetzt. Daran trägt viel Schuld die Beschaffenheit des musikalischen Privatunterrichts und auch der Konservatoriums- bildung ¹). Aber wenn man die Berechtigung der vielen Klagen zugesteht, die von einsichtigen Männern erhoben worden sind über die Zwecklosigkeit und Schädlichkeit der heutigen Art des Musiktreibens, namentlich in der Form der modernenKlavierseuche, wie man sich unzart aus- gedrückt hat²), so muss man auch bekennen, dass die Schule eine wichtige Aufgabe verabsäumt hat, die sie zu lösen auch mit ihren beschränkten Mitteln im stande und berufen ist, nämlich ihren Schülern durch einen methodischen gründlichen Gesangunterricht eine Art Präservativ mit- zugeben gegen den Einfluss des modernen Musiktreibens, eine sichere Grundlage von Kenntnissen und Geschmacksbildung, ein gewisses Mass von Urteils- und Genussfähigkeit für alle wahre Kunst ³).

Wir sollten als Deutsche noch ein besonderes Interesse daran haben, dass in unserem Vaterlande die Pflege derjenigen Kunst auf ihrer Höhe pleibe, die, zumal seit Bach und Händel, den besonderen Stolz unseres Volkes ausgemacht hat, die neben unserer Poesie so viel zur Hebung des deutschen Nationalgefühls beigetragen hat und die auch im Auslande die Achtung und Be- wunderung für den deutschen Namen bereits früher und in ähnlichem Masse hat verbreiten helfen und noch immer verbreiten hilft, wie die glorreichen Waffenthaten und politischen Erfolge des geeinigten Reiches.Es gehört nicht viel dazu, heisst es auch in der schon erwähnten Schrift über nationale Erziehung ¹⁴),zu erkennen, dass für die deutsche Nation die Musik etwas anderes ist, wie für die anderen, dass sie ein eminenter Faktor im gesamten neueren Kulturleben derselben ist, dass eine Vernachlässigung des Unterrichts von seiten des Staats unverzeihliche Unkenntniss des inneren Wesens und Ganges der nationalen Kultur verrät.

Endlich kommt zu Gunsten des Schulgesangs noch sein erziehlicher Einfluss im engeren Sinne in Betracht, seine ethische Bedeutung für die Jugend. Eine gerechte Beurteilung dieser Seite des Gesangunterrichtes ist nicht zu gewinnen, ohne ein näheres Eingehen auf die Frage, ob und wie die Musik überhaupt auf Gemüt und Charakter zu wirken vermag. Die Beantwortung dieser Frage, die im folgenden einer ausführlichen Behandlung unterzogen werden soll, ist nicht so einfach.

Schon Aristoteles sagt, wo er auf diesen Punkt zu sprechen kommt), es sei weder leicht auseinanderzusetzen, was für einen Einfluss die Musik ausübe, noch zu welchem Zweck man sie treiben solle. Gerade zu unserer Zeit ist es seit und infolge der verdienstlichen Schrift Hanslick's Vom Musikalisch-Schönen(1854) Sitte geworden, über diese Seite der Musik möglichst gering-

1) Vgl. Prof. Hermann Ritterüber mus. Erziehung Dresden 1891; J. Löhner, die Musik als human- erziehliches Bildungsmittel, Leipzig 1886, S. 3 f.; H. Pudor, Wiedergeburt in der Musik, Dresden 1892, S. 78 ff.; H. Riemann,Der Musikunterricht sonst und jetzt, im XVII. Jg.(1894) Heft 17 desKlavierlehrer; L. Ehlert, Das Musiklehrertum und das Publikum, Deutsche Rundschau 1875, S. 463; H. Ehrlich, Modernes Musikleben ² 1895, S. 83 ff.

2) Vgl. Ritter's eben angeführte Schrift, sowie F. J. Selbst,Unsere musikalische Erziehung(Frankfurt

1884); H. A. Köstlin,die Musik als christliche Volksmacht(Heilbronn 1880), S. 4 f.; H. Pudor a. a. O. S. 32 f.; Dr. Primer.Stimmen gegen die Uberschätzung der Kunst, Progr. Weilburg 1887, S. 37 f.; H. Pohle,Hamburger Signale, Jg. V(1893), S. 483;Zu viel Musik(anonym) in der Sonntagsbeilage zum Frankfurter Journal 13. März 1890; Prof. Dr. Waetzoldt, Jahresbericht der Elisabetschule in Berlin 1889 u. v. a. Eine Reihe wichtiger Zitate im Wortlaut über diesen Punkt folgt im zweiten Teile dieser Arbeit.

3) Lecerf, a. a. O. S. 6; Köstlin a. a. O. S. 23; Dornheckter a. a. O. S. 13; Landien,Inwieweit ist die ästhetische Bildung auf Gymnasien zu berücksichtigen? Progr. Tilsit 1880, S. 11.

4) S. 139; vgl. Zuschneid, Zeitschr. f. d. m. U., S. 51.

5) Polit. VIII(V) c. IV(p. 1339 a).