Aufsatz 
Die Musik als Erziehungsmittel und ihre ethische Wirkung überhaupt / von J. Klassert
Entstehung
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Dass man diesen Ausweg scheut und am Schulgesang festhält, ist aus manchen Gründen erklärlich, aber nicht konsequent. Sicher ist die Verschönerung der Schulfeste auch ein wichtiger Zweck, ein wesentliches Ziel des Schulgesangs ¹); aber wenn er in dem Rahmen unseres höheren Unterrichtsbetriebs eine Stelle behalten soll, so muss er noch andere Zwecke und Ziele ver- folgen und erreichen können.

Eine Aufgabe des Gesangunterrichts, die gewöhnlich unterschätzt wird, liegt zunächst auf hygienischem Gebiet. Er befördert, richtig geübt, die Ausbildung und Kräftigung der Atmungs- und Sprachwerkzeuge und bildet durch seine Bedeutung für Lunge und Kehlkopf, diese so wichtigen und empfindlichen Organe, eine durch nichts zu ersetzende Ergänzung des Turnunterrichts.Der gesamte Atmungs-, Sprech- und Stimmapparat wird nirgends so nachdrücklich herangezogen und so gründlich entwickelt und geübt, als im gutgeleiteten Gesangunterricht ²).

Unersetzlich ist ferner der Gesangunterricht in seiner Bedeutung für den Sprachunter- richt³). Die Grundbegriffe der Lautlehre(Unterscheidung von Vokalen und Konsonanten, offenen und geschlossenen, betonten und unbetonten Silben, der verschiedenen Arten der Konsonanten, von An- und Auslaut u. a.), die oft noch beim französischen und griechischen Anfangsunterricht dem Schüler grosse Schwierigkeiten machen, können nur im Gesangunterricht bereits dem Schüler der untersten Stufe zu vollständig klarer Erkenntnis gebracht werden. Der Gesang lehrt richtig deklamieren, indem er die Wort- und Satzbetonung, den Satzbau überhaupt in helle Beleuchtung treten lässt. Das musikalische Element der Poesie endlich, das heisst alles Formale der gebundenen Rede, namentlich also die Metrik aller Zeiten und Völker, lässt sich überhaupt nicht zu genügendem Verständnis bringen ohne die Kenntnis der musikalischen Grundbegriffe, die ein vernünftiger Gesangunterricht jedem Schüler übermitteln könnte und sollte.

Ein weiterer Gesichtspunkt, der die Bedeutung des Gesangunterrichts in die richtige Be- leuchtung rücken hilft, ist die Stellung der Musik in unserem öffentlichen und häus- lichen Leben überhaupt. Die Musik nimmt in der täglichen Beschäftigung der Jugend, in den Festlichkeiten, Erholungen, gesellschaftlichen Verpflichtungen, Gesprächen der Alteren, in der wissenschaftlichen und schönen Litteratur, in den Tagesblättern einen so breiten Raum ein, dass auch die öffentliche Erziehung ihr gegenüber nicht gleichgültig bleiben darf. Die Musik ist heut- zutage die Kunst, die mehr als jede andere zur allgemeinen Bildung für erforderlich betrachtet wird, der gegenüber, wie häufig beklagt wird), die übrigen Künste fastin eine dienende Stellung hinabgedrückt erscheinen, über die wenigstens muss mitreden können, wer auf Bildung Anspruch macht. Und doch ist vielleicht nie die Unkenntnis der Elemente der Musik ich erinnere nur an den Unterschied von Ganz- und Halbton, von Konsonanzen und Dissonanzen, die Unwissen- heit über die einfachsten theoretischen und historischen Verhältnisse, die der Entwickelung der

Mittelmässiges; was aber von solchen thatsächlich bei Schulfesten auch hier geben die Schulprogramme einigen Anhalt geboten wird, ist in Bezug auf Zusammenstellung der Instrumente, Wahl des Vortrags- stoffes und Ausführung nicht selten geradezu ein Hohn auf alle Kunst zu nennen, mithin auch ein Hohn auf die Erziehung.

1) Vgl. Plew a. a. O. S. 11, S. 46.

2) So Plew a. a. O. S. 10; vgl. hierüber noch Stockhausen a. a. O. S. 444; Zuschneid in der Zeitschr. f. d. m. U. S. 49 f.; Köhler ebenda S. 57; Lecerf in§ 2 des oben erwähnten Berichts.

3) Vgl. Plew a. a. 0. S. 10 f.; Dornheckter, der Gesangunterricht an höheren Lehranstalten, Progr. Stral- sund 1880, S. 14 f.; Zuschneid a. a. O. S. 50; Köhler ebenda S. 57; Schmidt ebenda S. 61.

4) Vergl. den interessanten AufsatzHöchste Musik von Joh. Vollert in Lange'sRundschau vom 17. April 1896.