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der praktischen Pädagogik“ dem Zeichnen und Turnen wohl je ein Paragraph zugewiesen ist, das Singen aber nur gelegentlich gestreift wird.
Unter diesen Umständen müsste es eigentlich auffallend erscheinen, dass der Gesangunterricht, als man sich anlässlich der Überbürdungsfrage mit Recht und mit Erfolg bemühte, allen über- flüssigen Ballast aus dem Unterrichtsbetriebe zu entfernen, nicht ganz aus den Lehrplänen der höheren Schulen ausgeschieden worden ist, was— unter den gegebenen Verhältnissen, wenn nämlich nicht mehr dafür geschehen soll oder kann, als in der Regel geschieht— vom pädagogischen und künstlerischen Standpunkt aus auch heute noch wohl das Richtigste wäre ¹).
Dass der Gesang jedoch als eine Art notwendigen Ubels unseren Lehrplänen erhalten geblieben ist, dafür kann ich nur einen entscheidenden Grund auffinden: die Schule glaubt seiner bei den Sehulfestlichkeiten nicht entraten zu können. In der That bedarf ja jede Feier einer grösseren Gemeinschaft, mag sie religiöser oder patriotischer, privater oder geselliger Art sein, der Mitwirkung der Musik, vorab des Gesanges, wenn sie nicht von vornherein den Charakter der Nüchternheit und Trockenheit an sich tragen soll. Daher findet man fast in jedem grösseren Verein das Streben, eine Gesangsriege, eine Gesangsabteilung zu bilden, die bei solchen Fällen in Thätigkeit zu treten hat. Dieselbe Bedeutung hat in unseren höheren Lehranstalten durchschnittlich der Schülerchor, und auf den Gesangunterricht wird gerade so viel Mühe, Zeit und Geld verwandt, als notwendig ist, um für die Schulfeierlichkeiten die nötige Staffage zu liefern²). Ohne dass die erziehliche Wichtigkeit solcher Schulfeste(bei Schluss des Schuljahres oder Semesters, an Geburts- tagen des Landesherrn oder patriotischen Gedenktagen) und die Erhöhung ihres Eindruckes durch die Weihe des Gesangs geleugnet oder bestritten werden soll, muss man sich doch sagen, dass in diesem Fall der erreichte Zweck zu den aufgewandten Mitteln in keinem Verhältniss steht, selbst wenn die gewählte Musik dem Verständnis der meisten Schüler angemessen wäre und die thätige Beteiligung des grössten Teils derselben bei der Aufführung vorausgesetzt werden könnte, was jedoch in der Regel nicht zutriffts). Für die Schule wäre es gewiss bequemer und billiger, wenn sie bei ihren Festlichkeiten die Musik nicht entbehren will, eine gute Musikkapelle zu mieten oder es den Schülern zu überlassen, von ihren durch privaten Unterricht in der Instrumentalmusik erworbenen Fähigkeiten eine Probe abzulegen, wie es ja schon jetzt vielfach— leider in viel zu ausgedehntem Masse ⁴)— üblich geworden ist.
1) So auch Schmidt Ztschr. f. d. m. U. S. 60; P. Stöbe ebenda S. 17; ebenso der Verfasser der Schrift„über nationale Erziehung“(Leipzig bei Teubner 1872) S. 111; dasselbe verlangte W. Deecke in einem in Strassburg ums Jahr 1886 gehaltenen und gedruckten Vortrage über„Schule und Haus“; auch J. A. Lecerf in§ 9 des oben erwähnten Berichts.
2) Wie in früheren Jahren an manchen Anstalten der Zeichenunterricht das ganze Schuljahr hindurch nur dazu benutzt wurde, für die öffentlichen Prüfungen den Unterhaltungsstoff zu liefern, in dem die gelangweilten Väter und Mütter blättern konnten, während Lateinisch oder Griechisch examiniert wurde.
3) Unter diesen Umständen leugnet aber H. Schiller mit Recht die Möglichkeit einer vollkommenen, er- zieherischen Wirkung des Gesangunterrichts, zumal in den höheren Klassen(Handbuch d. pr. P. ³, S. 264). Wenn die von ihm ebenda gerügten„Verstiegenheiten“ jedoch vermieden würden und der Gesangunterricht von unten herauf rationell betrieben würde, müssten auch die Schwierigkeiten aufhören„unüberwindlich“ zu sein.
4) Denn die Vorführung von Einzelleistungen auf einem Gebiet, das mit dem Unterrichtsbetrieb der Anstalt in gar keinem Zusammenhang steht, läuft gar häufig auf die Beförderung von Eitelkeit und Eifersüchteleien unter den Schülern aus, und sogenannte Schülerorchester sind, wobei man vielleicht von Internaten absehen kann, wo viel überflüssige Zeit vorhanden sein mag, im allgemeinen vom Übel. Sie entziehen nur dem Gesangunterricht die knapp bemessene Zeit und das Interesse. Mit einem Schülerchor kann ein tüchtiger Lehrer auch unter den jetzigen Verhältnissen relativ Vollkommenes leisten, mit einem„Schülerorchester“ im günstigsten Falle schwach


