4 nicht trösten kann, dass dieselben Herren und Damen, die nicht einmal die musikalischen Intervalle kennen und das schlichteste Volksliedchen weder schön noch überhaupt richtig nachsingen können, häufig als Virtuosen auf dem Klavier gelten, oder sich in den gewähltesten Ausdrücken über Beethovens Symphonien oder moderne Musikdramen zu ergehen lieben.
Um zu erkennen, dass auf dem Gebiete des Gesangunterrichts nicht alles in Ordnung ist, braucht man ferner nur das, was an den weitaus meisten höheren Lehranstalten dafür geschieht und darin geleistet wird— einen gewissen Anhalt dafür geben die jährlichen Schulprogramme sowohl durch das, was sie darüber sagen, als durch das, was sie nicht sagen— mit den Forderungen zu vergleichen, die von vernünftigen, konsequenten Schulmännern, wie Bellermann ¹) und Plew ²) gestellt werden und an einzelnen bevorzugten Anstalten auch durchgeführt sind. Was sie verlangen, ist durchaus nicht übertrieben; die von ihnen aufgestellten Grundsätze werden im wesentlichen die Grundlage eines jeden Speziallehrplans für den Gesangunterricht bilden müssen, der nach pädagogischen Prinzipien in ernsthafter, einer höheren Schule und des Gegenstandes würdiger Weise abgefasst sein will. Was die offiziellen Lehrpläne der deutschen Staaten über Zweck, Ziel, Methode, Einteilung des Stoffes bieten, ist durchaus ungenügend;„ungenügend vom Standpunkte des Musikers, geradezu anstössig von dem des Pädagogen“, drückt sich Prof. Dr. Kretzschmar in einem 1894 in Meissen gehaltenen Vortrag) aus, in dem er dringend eine gründliche Reform des Gesangs an unseren höheren Schulen verlangt.
Es muss also doch wohl ⁴) an der Gleichgültigkeit liegen, mit der man den Gegenstand in den massgebenden Kreisen betrachtet, wenn trotz solcher Erfahrungen und Mahnungen der Gesang- unterricht in seinem„kläglichen“ ⁵) Zustand belassen wird. Die Besprechungen des trefflichen Plew'schen Buches in den Fachzeitschriften klingen bei aller Anerkennung zum Teil in dem resignierten Bedauern aus, dass„die von dem Verfasser in betreff des Gesangunterrichtes ausge- sprochenen Wünsche, so gut sie auch gemeint sein mögen, pia desideria bleiben werden. Es fehlt für diese Disziplin in den massgebenden Kreisen eben das wahre Interesse“ ³). Es ist kein Zufall, wenn in dem neuen preussischen Lehrplan dem Singen im Gegensatz zu sämtlichen anderen Fächern kein besonderer Abschnitt gewidmet ist, und wenn beispielsweise in Herman Schillers„Handbuch
1) S. besonders sein Referat über„Gesang“ in Rethwischs Jahresberichten über das höhere Schulwesen I (1886) S. 309 ff. mit den Ergänzungen in den folgenden Jahrgängen; vgl. auch seine„Bemerkungen über den Gesangunterricht“ in der Allg. Mus. Ztg.(Leipzig 1872) S. 158 ff., 174 ff., sowie sein und Grells„Gutachten“, mitgeteilt u. a. in den Fleckeisen-Masius'schen Neuen Jahrb. 1874, S. 577 ff. u. deren Besprechung durch v. Jan, Zeitschr. f. Gymnasialw. Jg. XXX(1876) S. 541 ff. Im wesentlichen spricht dieselben Grundsätze und Forderungen wie Bellermann schon der Musikdirektor Justus Amadeus Lecerf in dem„Bericht der Sektion für das Singen“ aus, den er im Auftrag des Gymnasialvereins in Dresden ausgearbeitet und in dessen Ausschuss am 18. September 1847 vorgetragen hat(mitgeteilt in Köchly's„Vermischte Blätter zur Gymnasialreform“, 2. Heft, Leipzig u. Dresden 1848, S. 168 ff.). Der treffliche Bericht kam in der allgemeinen Versammlung des Vereins am 4. Oktober zur Annahme, scheint aber, wie andere erst in der jüngsten Zeit wieder aufgenommene Anregungen dieses Vereins, bald gänz vergessen worden zu sein.
2) Didaktik und Methodik des Gesangunterrichts, München 1895(Sonderausgabe aus Baumeisters„Hand- buch der Erziehungs- und Unterrichtslehre für höhere Schulen“). Für den Anfangsunterricht gibt gute Winke im einzelnen C. R. Hennig, die Methodik des Schulgesangunterrichts. Leipzig 1885.
3) Teilweise mitgeteilt in der Ztschr. f. d. mus. Unterr. 1896, S. 2 f.; er behandelt zunächst den musikalischen Teil der sächsischen Agende und vermisst bei den studierenden Theologen auch das geringe Mass musikalischer Bildung, das bei angehenden Liturgen vorausgesetzt werden muss.
4) Siehe oben S. 1.
5) K. Schmidt a. a. 0.
6) So Signale 1896 No. 14(S. 210).


