Aufsatz 
Die Musik als Erziehungsmittel und ihre ethische Wirkung überhaupt / von J. Klassert
Entstehung
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Die Musik als Erziehungsmittel

und ihre ethische Wirkung überhaupt.

I.

KEs ist in der letzten Zeit wiederholt ¹) darauf hingewiesen worden, dass die Hochflut der Erörterungen über die Reform des höheren Schulwesens, die in den letzten Jahrzehnten fast alle Gebiete des höheren Unterrichts überschwemmt und, sei es durch Zerstören und Zersetzen des Bestehenden, sei es durch Neugestaltung und Befruchtung des Althergebrachten, überall deutliche und bleibende Spuren hinterlassen hat, an einem Fach geradezu spurlos vorübergegangen ist, an dem Gesangunterricht. Diese Thatsache ist um so auffallender, als die beiden Gegenstände, die herkömmlicher Weise mit dem Gesang unter dem Namentechnische Fächer oderKunst- fertigkeiten auf dieselbe Stufe gestellt werden, Turnen und Zeichnen, sich gerade infolge der Reformbewegung einer ganz besonderen, erhöhten Aufmerksamkeit und Pflege zu erfreuen haben. Diesen Schosskindern der modernen Pädagogik gegenüber erscheint das Singen fast alsdas Aschenbrödel in unseren höheren Schulen ²).

Wenn man sich fragt, weshalb der Gesangunterricht von den modernen Verbesserungsversuchen so unberührt geblieben ist, so sind hierfür, wie K. Zuschneid in dem eben ¹) zitierten Aufsatz richtig bemerkt, nur zwei Erklärungen möglich.Entweder ist hier alles in vollkommener Ordnung, oder der Gegenstand wird in massgebenden Kreisen für so nebensächlich gehalten, dass er keiner besonderen Beachtung wert erscheint.

Die Annahme, der Gesangunterricht in seinem gegenwärtigen Zustand sei gar nicht verbesserungsbedürftig, ist nicht zutreffend. Dies beweist nicht nur die übereinstimmende Klage der Leiter von Oratorienvereinen über den Mangel an Lust, Verständnis und selbst elementaren musikalischen Kenntnissen in den gebildeten Kreisen ³) und der ernste Tadel der bedeutendsten Gesangsmeister, wie Stockhausen und Wüllner, über die ungenügende Vorbildung der Sänger infolge desmangelhaften, wenig wissenschaftlichen Unterrichtes der Schulgesangklassen unserer öffentlichen Lehranstalten), sondern man könnte fast überall durch Erfahrung und Beobachtung den Nachweis liefern, dass es heutzutage leichter ist, aus Leuten, die nur Volksschulbildung genossen haben, bei irgend einer Gelegenheit einen brauchbaren Chor zusammenzustellen zum Zweck der Einübung eines einfachen ein- oder mehrstimmigen Liedes, als aus Gebildeten, wobei die Wahrnehmung durchaus

1) Von Karl Schmidt in der Zeitschrift für d. mus. Unterricht a. d. deutschen Lehranstalten, Jahrg. I, S. 59(15. April 1896) und ebenda S. 49(1. April 1896) von K. Zuschneid.

2) So überschreibt Zuschneid den eben erwähnten Aufsatz.

3) Vgl. u. a. Zeitschr. f. d. m. U., S. 45, S. 1, S. 51.

4) So Julius Stockhausen in dem sehr bemerkenswertenBeitrag zur Reform des Schulgesanges in Deutschland, Allg. deutsche Lehrerzeitung 1892, S. 441 ff.; vgl. Dr. Franz Wüllner's Vorwort zu denChor- übungen der Münchner Musikschule(München 1875) S. 3 f.