— ¹— Erweiterung oder Verengerung der Intervalle, durch Erhöhung des Unterschieds der Stärkegrade und der Rhythmen steigert und so als die intensivste Wiedergabe der ursprünglichen Empfindungen erscheint, andererseits aber sich den Gesetzen der formalen Asthetik unterordnet und nach diesen sich modifiziert.
In dem Streben nach Ordnung, Symmetrie und Bestimmtheit, die Aristoteles ¹) als die Ele- mente der Schönheit bezeichnet, führt die Musik anstatt der unbestimmten, schwankenden, stets ineinander überfliessenden Tonfälle der Sprache mathematisch-akustisch bestimmte Intervalle ein, statt des dumpfen, harten, flüchtigen Sprachtons den steten, klaren Gesangton, statt des regellosen Wechsels betonter und unbetonter Silben den geordneten musikalischen Rhythmus. Und während die unendliche Variabilität und Leichtigkeit der Tonbewegung sie befähigt, auf die feinsten Nuancen der Gemütsstimmungen schildernd einzugehen, gewährt sie der Phantasie einen ebenso unendlichen Stoffreichtum zur Bethätigung ihres formalen Gestaltungstriebes.
So ist„das älteste, echteste und schönste Organ der Musik, das Organ, dem unsere Musik allein ihr Dasein verdankt, die menschliche Stimme“(Rich. Wagner) und der Gesang ursprünglich nichts wesentlich anderes, als 4öyoc„⁶υσαιμαέμ̈νοο ⁊) d. h. durch Melodie und Rhythmus veredelte Sprache, oder wie K. Köstlin ³) sagt,„der musikalisch stilisierte Rhythmus der dichterisch erhöhten Rede“. Aus dem Gesang„entsprang durch gesteigerte Abstraktion alle übrige Musik“(J. Grimm in seinem„Ursprung der Sprache“), und„soweit diese sich auch auf dem ursprünglichen Wege entwickeln möge, immer wird doch die kühnste Kombination des Tonsetzers oder der gewagteste Vortrag des Instrumentalvirtuosen an dem rein Gesanglichen schliesslich das Gesetz für seine Leistungen wieder aufzufinden haben“(Richard Wagner). ⁴)
Thatsächlich hat die ausserordentliche Entwickelungsfähigkeit der formalen Seite der Musik zur Folge gehabt, dass, nachdem durch die Ausbildung der Mehrstimmigkeit gegen Ausgang des Mittelalters und der Instrumentalmusik im vorigen Jahrhundert der musikalische Formenreichtum in's Unendliche gesteigert worden ist, die physiologisch-elementare Seite soweit zurücktrat, dass die moderne Asthetik sie vielfach ignorieren zu müssen glaubte.
Aus dem Umstand, dass die Musik sowohl die subjektivste und innerlichste, als auch diejenige Kunst ist, die die weitaus grösste und wirksamste Entfaltung der Form zulässt, begreift sich sehr leicht der Streit, der Musiker, Philosophen, Asthetiker und Pädagogen zu allen Zeiten unter- einander entzweit hat, wenn es sich um Wesen und Bedeutung der Musik handelte.
In Wirklichkeit ist die Musik sowohl Ausdrucksmittel als formales Gebilde, bald mehr das eine, bald mehr das andere, und wirkt auch auf ihre Hörer je nach Umständen bald nach dieser, bald nach jener, bald nach beiden Richtungen hin 5). Die ganze Musikgeschichte ist eigentlich ein fortwährendes Auf- und Abwogen der beiden Strömungen von Charakteristik und Form, eine nie endende Kette von Revolutionen, da, sobald die eine Seite das Ubergewicht erlangt hat, die Reaktion sofort einsetzt, um allmählich die andere Seite so hervorzudrängen und einseitig zur Entwicklung zu bringen, dass sie eine neue Gegenströmung erzeugt.
1) Metaphys. M.(XII), c. 3 Schluss.
2) Aristoteles Poet. c. 6.
3) Asthetik, S. 336.
4) Bericht über eine zu errichtende deutsche Musikschule, Ges. Schriften und Dichtungen ², VIII, 140.
5) Vgl. J. P. N. Land in einem Aufsatz über Natur- oder Urmusik in der Vierteljahrsschrift für Musik- wissenschaft, 1893, S. 241 f.


