Aufsatz 
Das neue Realschulgebäude
Entstehung
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der Stadt und des Staates und zum Segen der kommenden Geschlechter. Die Reorganisation der Anstalt wurde dem bisherigen Direktor der Realschule in Küstrin, Bartholdy, übertragen, und am 22. April 1868 wurde die Anstalt in ihrer neuen Gestalt mit 6 Real-, 4 Gymnasial- und zwei Vor- schulklassen von demselben eröffnet. War aber die Anstalt schon früher auf die allernothwendigsten Räume beschränkt gewesen, so musste jetzt, obgleich ihr auch ein Theil des israelitischen Schul- hauses überwiesen wurde, dieser Mangel um so drückender hervortreten, da die Schülerzahl sich stetig vermehrte und z. B. im vorigen Semester 296 betrug. Ganz abgesehen von den grossen Unzuträglichkeiten, welche sich daraus ergeben mussten, dass die ganze Anstalt nicht unter einem Dache vereinigt war, waren die Klassenräume zum Theil derartig, dass sie nicht blos als unwürdig, sondern sogar geradezu als gesundheitsgefährlich bezeichnet werden mussten. Darum quoll das Lobe den Herrn, den mächtigen König der Ehren! mit welchem wir am 23. Juni vorigen Jahres die Feier der Grundsteinlegung unseres neuen Realschulgebäudes einleiteten, aus dankbar freudigem, tief bewegtem Herzen, darum erklang heute dasPreis und Anbetung sei unserm Gott! in hellen Jubeltönen, darum preisen wir heute des Herrn Gnade, dass der Bau ohne Unfall zum glücklichen Ende geführt und kein Seufzer in denselben mit hineingebaut, dass unter seinem Beistande dieser Prachtbau entstanden ist als ein redendes Denkmal der liebevollen Fürsorge der Väter der Stadt für die Bildung und den Unterricht der Jugend.

Wir, meine Herren Kollegen und ich, und ich hoffe, auch ihr, meine lieben Schüler, wir alle empfinden tief die volle Bedeutung dieses Baues für uns, wir wissen, dass er uns eine ernste Pflicht auferlegt. Wenn heut zu Tage an die Einrichtung der Schulen ganz andere Mittel als früher verwendet werden, so erwartet man auch, dass dieser Anlage reicher Gewinn erspriesse, und auch uns gilt das Wort: Wem viel gegeben ist, von dem soll auch viel verlangt werden. Das Leben ist eine schwere Kunst, und fast scheint es, als ob diese Kunst immer noch schyvieriger werden sollte. Darum muss die Kraft des Einzelnen früh geübt werden, und wer sich einen Platz im Leben schaffen und ihn behaupten will, muss frühe gelernt haben, sie einzusetzen zur rechten Zeit und am rechten Orte. Die Schule ist die Stätte, wo dies geschehen muss, und so ist der Tag, da uns die Stadt eine so kostbare Gabe darreicht, eine ernste Mahnung, uns von Neuem den Umfang unserer Aufgaben zu vergegenwärtigen, ein Sporn, uns des schönen Geschenkes immer würdiger zu machen. Ihr, meine lieben Schüler, werdet sicher in der grossartigen Gabe der Stadt nicht einen Lohn für schon Geleistetes, sondern vielmehr einen Ausdruck der hohen Erwartungen erblicken, welche dieselbe von Euch hegt, und es ist gewiss keiner unter Euch, der nicht in dieser Stunde den heiligen Entschluss fasste, in treuer Arbeit, in gewissenhafter Pflichterfüllung und in sittlichem Streben die schöne Gabe zu verdienen, auf dass reichlicher Segen entspriesse aus diesem Hause für jeden Einzelnen, für die Stadt, für das Vaterland. Und wir, die Lehrer dieser Anstalt, wir werden in vollem Bewusstsein der grossen Verantwortung, welche auf uns ruht, uns bemühen, dass unsere Schule auch ferner ihre Aufgaben mit frohem Eifer übernimmt und mit allen Kräften darnach trachtet, der Stadt Bürger zu erziehen, die den Anforderungen gewachsen sind, welche die sich immer mehr steigernde Bedeutung unserer Stadt ihnen stellen wird. Unsere Schule ist die höchste Bürgerschule der Stadt und hat sich daher vor Allem in den Dienst der burgerlichen Arbeit in Handel und Gewerbe zu stellen; dennoch soll sie keine Fachschule, keine Handels- oder Gewerbe- schule im engeren Sinne sein, welche unter einseitiger Hervorhebung des praktischen Bedürfnisses

die gleichmässige Ausbildung des ganzen Menschen vernachlässigte; vielmehr mussen gerade in einer 2