Aufsatz 
Das neue Realschulgebäude
Entstehung
Einzelbild herunterladen

ebenso schön als zweckmässig ausstatteten, gegen Alle, welche mit Kopf und Hand an seiner Er- richtung und Ausstattung mitgewirkt oder durch Geschenke für die Ausschmückung dieses schönen Festraums mitgesorgt haben. Wahrlich, wer von dem Kranze schöner Berge, welche unser herr- liches Werrathal umgürten, hinabschaut auf unsere Stadt und sieht, wie von allen Seiten her die länderverknüpfenden Strassen sich in ihr vereinigen, aber auch wie die zahlreichen Gebäude, welche der Industrie dienen, weit überragt werden von den Schulen, welche unsere Akropolis krönen, wie sich unsere neue Realschule auch architektonisch als das bedeutendste Profanbauwerk der Stadt her- vorhebt, der muss die Ueberzeugung gewinnen: Um diese Stadt steht es wohl; denn sie ist nicht blos das industrielle und kommerzielle Zentrum des Werrathals, seine Bürgerschaft weiss sich auch diese Stellung zu erhalten, indem sie die Stadt zu dem Mittelpunkte macht, von welchem aus in immer weitere Kreise geistiges Leben ausstrahlt, indem sie den Schulen die Pflege widmet, welche sie beanspruchen können und müssen als die Stätten, in welchen das heranwachsende Geschlecht, auf welchem die Zukunft der Stadt beruht, gebildet und wahrhaft aufgeklärt, in welchen eine tüchtige, ehrenfeste, kenntnissreiche Jugend erzogen werden soll in der Gewöhnung an die hingebende Pflicht- erfüllung, welche es ihr leicht macht, in Reih' und Glied zu treten, auch wo sie den Kommando- stab führen möchte und könnte; in seinen Mauern lebt noch die Gesinnung, welche am 20. April 1823 den Pfarrer Hochhuth berechtigte, bei der Einweihung jenes Schulgebäudes, welches wir vor wenigen Tagen verlassen haben, in seiner Festpredigt über Luc. 7, 1 5 den Satz zu entwickeln: Wer für das Volk Schulen baut, der bethätigt damit, dass er das Volk lieb hat. Die hoffenden Segenswünsche, mit welchen der um das Schulwesen unserer Stadt verdiente Mann seine Predigt schloss, sie haben ihre Erfüllung gefunden, in weiterem Umfange, als der Redner ahnen konnte; in den Räumen, welche damals nur dem Elementarunterricht überwiesen wurden, hat sich eine Schule entwickelt, welche sich höhere Ziele steckte, eine Anstalt, welche so sichtlich gewachsen und gedie- hen ist, dass sie bald nur noch kaum für ihre unmittelbaren Angehörigen, die Lehrer und Schüler Raum findend, mit weiteren Kreisen, mit den Vertretern des Patronats, den Eltern der Schüler und allen Freunden hõherer Bildung bei festlichen Gelegenheiten nur in einem andern, sonst ganz heterogenen Zwecken dienenden Räumen in Verbindung treten konnte, bis sie heute auch äusserlich völlig selbstständig dasteht, losgelöst von dem sie bisher umschliesenden Kreise der übrigen Schulen der Stadt, um sich zum ersten Male in diesem ihren eigenen schönen Festraum umgeben sieht von einer zahlreichen Festversammlung, welche herbeigeströmt ist, um theilzunehmen an unserm Feste, welches für die ganze Stadt, ja auch für weitere Kreise ein Freudenfest sein muss.

So schreiten wir den Aufgaben der Zukunft entgegen, wohl ausgestattet mit den äusseren Hilfsmitteln zur Lösung derselben; aber wenn wir mit fröhlicher Zuversicht den kommenden Tagen entgegen blicken, so können wir doch von der Vergangenheit nicht scheiden, ohne uns dankbar des- sen zu erinnern, was sie in weniger glücklicher Lage als wir gethan hat; es sei mir daher vergönnt, in kurzen Zügen den bisherigen Entwickelungsgang des höheren Schulwesens unserer Stadt zu entwerfen.

Wenn auch neben der Mädchenschule, welche schon Karl der Grosse im Cyriakuskloster gestiftet haben soll, eine Knabenschule bestand, so kann diese, da in den älteren Urkunden immer nur Eines Schulmeisters gedacht wird, als eine höhere keinesfalls bezeichnet werden; als aber Luther in seiner 1524 erschienenen Schrift an die Bürgermeister und Rathsherrn aller Städte Deutschlands, dass sie christliche Schulen aufrichten und halten sollten, diesem Stiftungsbrief der